Höcke-Podcast hat ein Nachspiel: Die staatliche Medienaufsicht geht gegen Ben Berndt vor
Die Landeszentrale für Medien verlangt Änderungen am Gespräch mit dem AfD-Politiker, das Ende April veröffentlicht wurde. Der Podcaster wehrt sich und spricht von Zensur.
Kaum jemand kannte Ben Berndt. Bis er Ende April einen Podcast mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke veröffentlichte. Ein mehr als vier Stunden langes Gespräch. Schon in den ersten 24 Stunden wurde es eine Million Mal aufgerufen, mittlerweile verzeichnet die Höcke-Folge von «{ungeskriptet} by Ben» mehr als sechs Millionen Zugriffe. Der Podcaster wurde auf einen Schlag in ganz Deutschland bekannt.
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Das Gespräch mit dem Titel «Ich habe mich getraut, Björn Höcke einzuladen» hat nun ein Nachspiel, und möglicherweise drohen Ben Berndt juristische Konsequenzen. In einem Schreiben fordert die Landeszentrale für Medien Nordrhein-Westfalen den Podcaster auf, das Gespräch zu überarbeiten – nachdem es schon fast zwei Monate lang online ist. Ben Berndt selbst hat das auf X bekannt gemacht und zitiert aus dem Brief.
Die öffentlichrechtliche Aufsichtsbehörde verlangt von Berndt, in seinem gesamten Angebot auf die Einhaltung der journalistischen Sorgfalt hinzuwirken. Der Beitrag über Höcke soll angepasst und um eine Erläuterung ergänzt werden. Sie setzt Berndt eine Frist bis zum 30. Juni. Bis dahin soll er mitteilen, ob er dazu bereit ist.
Konkret zielt die Aufforderung der Landeszentrale auf die Passage des Gesprächs, in der vom Strafverfahren die Rede ist, das die Staatsanwaltschaft Halle im Frühling 2021 gegen Höcke eröffnete. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Merseburg hatte Höcke eine Rede mit den Worten «Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland» beendet. «Alles für Deutschland», die Losung der Sturmabteilung (SA) der NSDAP, ist in Deutschland verboten.
Berndt ist nicht bereit, den Podcast anzupassen. Auf X wehrt er sich gegen die Intervention der Aufsichtsbehörde: «Der Staat will mich zensieren», sagt er, «da habt ihr euch den Falschen ausgesucht.» Der Staat, kritisiert Berndt, wolle Journalisten vorschreiben, was sie zu tun hätten. «Wenn ich mich unterwerfe», sagt er gegenüber dem Nachrichtenportal T-Online, «zensieren sich Tausende andere Podcaster selbst.»
Das Verfahren wurde im Mai 2024 abgeschlossen, Höcke wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Herbst 2025 bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil. «Alles für Deutschland» war im nationalsozialistischen Deutschland die Losung der SA, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, die seit 1920 als Hitlers Saalschutz diente, politische Gegner terrorisierte und massgeblich an der Errichtung der ersten Konzentrationslager beteiligt war. Der Slogan war in die Klingen der Ehrendolche der SA eingraviert.
Im Podcast mit Berndt kritisiert Höcke das Urteil als absurd. Niemand, sagt er, habe wissen können, dass die Formel «Alles für Deutschland» strafbar sein könnte. Sie sei auch gar nicht strafbar, weil es nie die Losung der SA gewesen sei. Die SA habe keine Losung gehabt. Der «Dreiklang Alles für D.», so Höcke, sei im deutschen Sprachraum seit dem 15. Jahrhundert bekannt. In der Weimarer Republik sei er von einer Organisation der SPD verwendet worden.
Tatsache ist: Der Slogan stand nicht nur auf den Dolchen der SA, sondern auch auf unzähligen Flugblättern und in den einschlägigen Zeitungen der Nazis. Nach 1945 war es der Wahlspruch rechtsextremer Partisanen und Teil der Grussformel der neonazistischen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei, die lautete: «Mit vorzüglicher Hochachtung, alles für Deutschland».
Er habe «Hunderte von Zuschriften von Professoren der neueren Geschichte» bekommen, sagt Höcke im Podcast – keiner habe den Slogan mit der SA in Verbindung gebracht. Alle hätten sich verwundert gezeigt darüber, dass er justiziabel sein solle. Die Nazis hätten viele «Allgemeinsätze des Volkes» übernommen, weil sie an den Sprachgebrauch der Leute hätten andocken wollen, sagt Höcke. Das Urteil des Landesgerichts Halle sei ein Beispiel für «politische Justiz». Man könne in Deutschland «seine Muttersprache nicht mehr frei verwenden», ohne Gefahr zu laufen, unter Verdacht zu kommen, weil man etwas sage, das «in den zwölf Jahren» auch schon gesagt worden sei.
Björn Höcke hat Geschichte studiert und das Fach bis 2014 an Gymnasien unterrichtet. Dass er nicht gewusst hat, dass die letzten Worte seiner Merseburger Rede in den nationalsozialistischen Kontext gehören, ist nicht glaubhaft. Aber es passt in Höckes übliches Verhaltensmuster: Er provoziert mit problematischen Aussagen, und wenn er unter Druck gerät, beklagt er sich, er sei falsch verstanden worden. Dass die Formel «Alles für Deutschland» vor der Nazizeit in verschiedensten Kontexten verwendet werden konnte, ändert nichts daran, dass sie seit dem «Dritten Reich» in einem politischen Kontext unweigerlich an die SA erinnert.
Ben Berndt, der von sich ausdrücklich sagt, er sei kein Journalist, widerspricht Höcke im Podcast nicht, hakt nicht nach und stellt keine kritischen Fragen. Sein Ziel sei es, den Zuhörerinnen und Zuhörern «authentische, tiefe Gespräche» zu bieten, sagte er. Er wolle seine Gäste nicht verhören, sondern versuchen, sie zu verstehen. Unter den bisherigen Gesprächspartnern sind unter anderem ein ehemaliges Mitglied der Hells Angels, der Salafist Pierre Vogel, Corona-Kritiker, der Journalist Harald Martenstein oder der FDP-Politiker Christian Dürr.
Die Aufforderung der Medienaufsicht ist noch kein formelles Verfahren. Ein solches wird eingeleitet, wenn Berndt an der Weigerung festhält, die Passage mit einer Erläuterung zu versehen. Tatsächlich hat er die Höcke-Folge des Podcasts bereits einmal abgeändert. Zwei Stellen musste Berndt korrigieren, nachdem sich die frühere AfD-Chefin Frauke Petry über falsche Tatsachenbehauptungen beklagt hatte.
Die Landeszentralen für Medien haben die Aufgabe, private Rundfunk- und Fernsehprogramme und die Angebote von sogenannten Telemedien wie Blogs, Social-Media-Angeboten, Online- oder Streaming-Portalen zu kontrollieren und die Einhaltung von Standards zu sichern. Die Intervention wirft deshalb auch die Frage auf, inwieweit an solche Medienformate journalistische Qualitätskriterien angelegt werden können. Ben Berndt betont, sein Podcast sei kein journalistisches Format, sondern «roh, ungeschnitten und unzensiert» – und schlägt Kapital aus der Intervention der Aufsichtsbehörde: Die neueste Folge seines Podcasts hat er dem Thema Meinungsfreiheit und dem Gespräch mit Höcke gewidmet.
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