Die Flamingo-Rebellion in Albanien: «Die Proteste zeigen, wie rückständig Regierungschef Rama ist»
Was als überschaubare Umweltbewegung gegen Bauprojekte von Jared Kushner an der Küste Albaniens entstand, ist zu einer breiten Protestbewegung gegen das politische System geworden. Seit bald einem Monat gehen täglich Tausende auf die Strasse und fordern den Rücktritt von Edi Rama.
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Um die hundert rosa Styropor-Flamingos, angeklebt an einem Besenstiel, liegen tagsüber in einem kargen Büroraum im Zentrum Tiranas. Der Ort sei geheim, sagt Besjana Guri lächelnd. Denn abends, wenn es langsam eindunkelt, werden die gebastelten Vögel zum Protestinstrument: Gegen 20 Uhr bringt die Umweltaktivistin die hübschen Exemplare auf die Strasse und verteilt sie an Demonstranten, damit sie mit ihnen durch die Stadt ziehen. Die Flamingos sind zum Symbol einer Protestbewegung geworden, die Albanien seit Wochen erfasst.
Auslöser dafür war ein Vorfall am Strand der Narta-Lagune an der Südküste des Landes. In dem unberührten Flamingo-Brutgebiet soll ein über vier Milliarden Euro schweres Luxusprojekt der Investmentfirma Affinity Partners von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner entstehen. Guri war von der ersten Stunde an vorderster Front dabei, als sich Umweltschützer und Anwohner Mitte Mai über Tage gegen die Einzäunung des Strandes und die angerollten Bagger wehrten.
Der Protest blieb überschaubar bis zu dem Tag, an dem private Sicherheitskräfte vor den Augen untätiger Polizisten einen Anwohner unzimperlich zu Boden warfen und durch den Sand schleiften. Die Szene wurde gefilmt, ging viral und entfachte massive Wut.
Seither protestieren Abend für Abend Tausende vor dem Regierungsgebäude in Tirana. An diesem Mittwoch ist es der sechsundzwanzigste Tag in Folge. Über Kushner und Trump spricht keiner mehr. In der Protestmenge dominieren neben den Flamingos inzwischen albanische Nationalflaggen in allen Grössen sowie Plakate, auf denen Ramas Rücktritt gefordert wird: «Rama ik» – Rama geh.
Was als überschaubare Umweltbewegung an einem abgelegenen Strand entstand, ist zu einer breiten Protestbewegung gegen das politische System geworden: Nationalisten, Liberale, Marxisten, Umweltaktivisten, Alte und auffällig viele Junge finden sich jeden Abend ein, weil sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen.
Erald Noj hilft als Freiwilliger mit, damit die tägliche Aktion stattfinden kann. Dafür fährt der 41-Jährige 40 Kilometer von seiner Heimatstadt Marouras im Nordwesten Albaniens in die Hauptstadt. Er baut die imposante Audioanlage am frühen Abend auf und am Ende des Protests wieder ab. Sie bildet das Herzstück des Aufstands, denn sie beschallt das Stadtzentrum mit Protestreden und der Nationalhymne. Noj ist technisch versiert, er betreibt eine IT-Firma.
«Ich bin ein Soldat», antwortet er auf die Frage nach seiner genauen Rolle hier. Er sei zuständig für die Sicherheit, sollte die Regierung gegen die Proteste vorgehen. Anzeichen dafür gab es bisher aber keine: Das Polizeiaufgebot ist klein, das Verhalten der Beamten diskret. Angaben darüber, wie die Protestorganisation funktioniert, wer verantwortlich ist oder was finanziert, will er keine machen. Es heisst, die Bewegung gebe sich absichtlich bedeckt. «Wir sind Patrioten», fährt Noj fort, der zum nationalistischen Lager des Protests gehört. Er sei hier, um sein Land zu verteidigen. «Denn die Regierung raubt uns sämtliche Ressourcen.»
Noj fühlt sich vom Staat beraubt, weil er die Küste für ausländische Investoren privatisiert. Sein Groll richtet sich auch gegen das «1-Euro-Paket» zur Förderung des Bergtourismus. Dieses sieht vor, Investoren Bergland für den symbolischen Beitrag von einem Euro zu verkaufen, damit sie Hotelprojekte realisieren. Der Führungsriege wirft er vor, dafür mit mafiösen Unternehmern und Oligarchen Geschäfte zu machen. Er nennt sie «die korrupteste Regierung aller Zeiten».
Der schlanke, schwarz gekleidete Mann trägt eine traditionelle albanische Mütze, bestickt mit dem albanischen Doppeladler auf dem Kopf. «Der sollte schwarz sein, aber mein Adler ist rot, weil ich wütend bin», sagt er. Auch wenn er kurz über seinen Spruch lächelt, merkt man ihm seinen Ärger an. Darum engagiert er sich auch.
Jeden Abend verlässt Noj für die Proteste vorzeitig seine IT-Firma. Das sorge für wirtschaftliche Einbussen, wie er sagt. Doch er sieht es als patriotischen Akt für sein Land. Die Proteste seien der einzige Weg, um sich dieser «diktatorischen» Regierung zu entledigen, sagt er überzeugt.
Auch Klodiana Millonas Arbeit kommt dieser Tage zu kurz. Das gehe nur, weil sie selbständig sei, sagt sie. Eigentlich lebt und arbeitet die 36-jährige Albanerin als Forscherin in Rotterdam. Sie war am dritten Protesttag aus beruflichen Gründen nach Tirana gereist und sollte eine Woche bleiben. Fast einen Monat später ist sie immer noch hier – um jeden Abend zu demonstrieren, wie sie sagt.
Inmitten von Protestliedern und Getrommel sitzt sie auf dem Trottoir und sagt, auch sie habe angestaute Wut. Viele Anliegen der Protestbewegung spiegeln die Gründe wider, weshalb sie ihre Heimat vor elf Jahren verlassen hat: «Für junge Leute gibt es hier kaum Möglichkeiten, zu arbeiten», sagt sie. Schuld daran seien wirtschaftliche Motive, aber auch die fehlende Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt aufgrund von Vetternwirtschaft und Korruption.
In den vergangenen zehn Jahren haben fast 300 000 Albaner im Alter unter 35 Jahren ihrer Heimat den Rücken gekehrt – und das bei einer Gesamtbevölkerung von rund 2,4 Millionen Menschen. Alle ihre Freunde seien gegangen, sagt die ausgebildete Architektin. Die Diaspora ist eine wichtige Stütze der Proteste. Viele im Ausland lebende Albaner sind nach Tirana gereist, um sich mit ihren Landsleuten zu solidarisieren. Aus beruflichen Gründen können nicht alle so lange bleiben wie Millona.
Die Geldüberweisungen der Diaspora seien elementar für die zurückgebliebenen Familien. Auch sie schickt ihren Eltern regelmässig Geld. Ihre Renten seien tief und die Infrastruktur schlecht – gerade im Gesundheitsbereich. 35 Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes gehört Albanien zu den ärmsten Ländern Europas. Bei dem Protest klagen die Menschen über hohe Mieten und Inflation, vernachlässigte Bildung oder Infrastruktur. Die Probleme setzen sie in direkte Verbindung mit Ramas Politik, die ihrer Meinung nach darauf ausgerichtet ist, seit 13 Jahren Macht anzusammeln.
Millona arbeitete vor ihrem Wegzug als Architektin in Tirana. Dort bekam sie einen Einblick, wie seine Bauprojekte umgesetzt werden. Sie spricht von mangelnder Transparenz und Vetternwirtschaft. Und sie beanstandet sein Narrativ: «Wer Kritik an den Vorhaben übte, wurde als fortschrittsfeindlich und rückständig abgetan.»
Mit dieser Rhetorik verteidigt er auch Kushners Projekte. Die Sonderstaatsanwaltschaft gegen Korruption und organisierte Kriminalität hat wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und Korruption jüngst Ermittlungen dagegen eingeleitet. Dabei hat sie Vermögenswerte von rund 150 Millionen Euro beschlagnahmt und Haftbefehle gegen 20 Personen verhängt. Sie werden verdächtigt, Drogengelder im Bausektor gewaschen zu haben.
Rama wollte der NZZ gegenüber dazu nicht Stellung nehmen. Doch in der «Financial Times» («FT») wies er jegliche Verstrickung der Investoren in Geldwäsche zurück. Er wiederholte, am Projekt festzuhalten, und reagierte auf die Kritik der Demonstranten, die ihn als Kopf eines korrupten Systems brandmarken, mit einem unwirschen «Fuck you!» Er bezeichnete sie auch schon als ausländische Agenten und diffamiert sie über Social Media. In den Augen der Demonstranten spiegelt seine Reaktion die Arroganz wider, gegen die sie ohnehin aufbegehren. Seit dem «FT»-Interview brüllen sie abends im Chor nun: «Fuck you, fuck you, Rama!»
Er habe sich stets als exotischer «Künstler-Ministerpräsident» inszeniert, der über dem Volk stehe, um ihm das europäische Ideal näherzubringen, sagt Millona. Die kreativen Proteste dürften ihn zutiefst kränken. «Sie offenbaren, wie rückständig er ist.»