«Wann gehen Sie zurück?» – Zu Hause in Japan, aber ewig Ausländer
Japan braucht Zuwanderer, hält sie aber auf Distanz. Die Schweizer Äbtissin Jessie Shaku Hokai und der australische Manager Byron Mirmikidis behaupten sich trotzdem. Wie fühlt es sich an, in einer Gesellschaft zu leben, die einen nie ganz akzeptiert?
Vor zehn Jahren erhielt die St. Gallerin Jessie einen Brief, der ihren Traum beinahe zunichtegemacht hätte. «Es tut mir leid, Ihnen das so direkt sagen zu müssen: Als Frau und Ausländerin können Sie unmöglich Priesterin werden», schrieb der Rektor des buddhistischen Gymnasiums in Japan, an dem sie unterrichtete. Sie hatte sich beim Schulleiter nach der Priesterlaufbahn erkundigt. «Was für ein altmodischer Cheib! Dem zeige ich es», sagte sie sich damals.
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Heute leitet Jessie, die nach der Priesterweihe ihren bürgerlichen Familiennamen gegen den japanischen Ordensnamen Shaku Hokai eintauschte, einen buddhistischen Tempel in Japan. Sie ist die erste ausländische Äbtissin. Ihren Weg erkämpfte sie sich mit Beharrlichkeit und mit der Unterstützung progressiver Mönche in der Klerikerhierarchie. «Ich brauchte Vitamin B von Leuten, die unsere Religion für Frauen öffnen wollten.»
Shaku Hokai arbeitet an diesem Nachmittag im Haupttempel des Jodo-Shinshu-Buddhismus in Kyoto. Vor der Haupthalle zieht sie ihre Schuhe aus, verbeugt sich und kniet auf den Tatami-Matten nieder. Über ihrem schwarzen Gewand trägt sie eine grüne Schärpe, das blonde Haar hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Nach dem Gebet schultert sie ihre Tasche, tritt hinaus in die kalte Luft des Tempelhofs und sagt: «Kommen Sie, hier zieht es. Wir gehen in das wärmere Besucherzentrum.»
In Kyoto, wo sich religiöse Kultstätten und Schreine von Weltrang aneinanderreihen, studierte die Schweizerin einst Japanisch – und fand ihre religiöse Berufung. Auslöser war der Suizid ihrer Mutter. Diese entschied sich mit siebzig Jahren für den begleiteten Freitod. «Sie war nicht unheilbar krank, brauchte nicht einmal einen Stock.» Doch die Mutter hatte einfach genug, fürchtete sich vor dem gesundheitlichen Zerfall. Jessie Shaku Hokai und ihre Geschwister versuchten, sie umzustimmen, aber sie beharrte auf ihrem Recht, zu sterben. «Wenn du weinst, musst du gar nicht in die Schweiz kommen», sagte ihr die Mutter am Telefon. Shaku Hokai, aufgewachsen in Hinterernetschwil, einem Dorf im Dreikantoneeck von St. Gallen, Schwyz und Zürich, blieb in Japan.
Der Suizid der Mutter stürzte Shaku Hokai in eine tiefe Krise. «Ich hatte viel Wut in mir, aber ich konnte nicht trauern», erinnert sie sich. Wie ein verstopftes Rohr habe sie sich gefühlt, unfähig zu weinen. Später, beim Spaziergang durch Kyoto, entdeckte sie an der Mauer des Higashi-Honganji-Tempels eine Tafel mit der Aufschrift: «Jetzt lebt das Leben dich.» Der Satz liess sie nicht mehr los. «Er bedeutet, dass uns das Leben nicht selbst gehört. Wir dürfen nicht selbst bestimmen, wann es endet.» Mit diesem Gedanken fand die Schweizerin aus ihrer Depression zurück ins Leben und zu einer buddhistischen Gemeinschaft.
Zurück bleibt eine schmerzhafte Wunde; der assistierte Suizid der Mutter habe ihre Familie zerstört, schreibt sie später in einer Whatsapp-Nachricht. Sie möchte daher auch nicht, dass ihr bürgerlicher Name in der Zeitung steht. Als gehörte er zu einem Leben, unter das sie einen Schlussstrich ziehen möchte.
Dass eine Ausländerin einen so tiefen Zugang zur Welt des japanischen Buddhismus finden konnte, hat mit Sprache zu tun. Shaku Hokai redet nicht nur fliessend Japanisch; sie liest die hochkomplexe Zeichensprache auch. Seit sie eine fünfjährige Ausbildung durchlaufen hat, darf sie als erste Ausländerin im Haupttempel Sutras rezitieren – buddhistische Lehrtexte, vorgetragen in tiefem, rhythmischem Sprechgesang. Wenn sie liest, formt sich ihr Mund zu einem runden O. Jede Silbe sitzt perfekt.
Die Sprache öffnete auch Byron Mirmikidis die Türen zur japanischen Kultur. Der Australier mit griechischen Wurzeln lebte bisher 25 Jahre in Tokio und arbeitete zuletzt in leitender Funktion für American Express. Angefangen hatte alles mit einem sechsmonatigen Sprachaufenthalt. «1989 war das erste Jahr, in dem ich hierherkam. Von der ersten Minute an wusste ich, dass ich diesen Ort mag.»
Wer sich in Japan integrieren wolle, müsse nicht nur die Sprache beherrschen, sondern auch die sozialen Regeln akzeptieren, sagt Mirmikidis: «Das ist ihre Kultur.» Dazu gehört: korrekt anstehen. Nicht in der U-Bahn telefonieren. Den Abfall sauber trennen. Leise sein. Kein Trinkgeld geben. «Japaner wissen nicht, was sie mit Trinkgeld anfangen sollen», erklärt er in einem Tokioter Café. «Aus ihrer Sicht ist das Geld von Kunden, das ihnen nicht gehört.»
Selbst anderswo akzeptierte Regeln werden in Japan oft konsequenter befolgt. «Wenn ein öffentlicher Abfallkübel voll ist, stapelt ein Japaner nicht einfach weiter obendrauf. Dann nimmst du deinen Abfall eben mit nach Hause.» Der Australier spricht in einem nüchternen No-Nonsense-Ton, den er zwischendurch mit einem Schmunzeln entschärft. Mirmikidis hält Japans Regeldichte nicht für Pedanterie, sondern für ein zweckmässiges Mittel, um die extreme Bevölkerungsdichte in japanischen Städten erträglich zu machen.
Der starke Anstieg des Tourismus und der ausländischen Wohnbevölkerung führt in Japan vermehrt zu Spannungen. In den sozialen Netzwerken gehen Videos von Touristen viral, die sich danebenbenehmen. Besucher bedrängen in Kyoto Geishas für Fotos, reissen an den Kimonos oder versuchen, den Haarschmuck als Souvenir zu entwenden. Andere läuten für Tiktok-Videos wie von Sinnen an Tempelglocken.
Auch politisch hat sich die Stimmung verändert, die fremdenfeindliche Sanseito-Partei feierte Überraschungserfolge. Ausländer machen zwar nur rund drei Prozent der Wohnbevölkerung aus, doch hat sich Japan in den vergangenen Jahren für Arbeitsmigration geöffnet. Die Bevölkerung schrumpft jedes Jahr um Hunderttausende, Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften.
Mirmikidis glaubt, dass das schlechte Benehmen einzelner Besucher auf alle Ausländer zurückfällt. «Viele Japaner unterscheiden nicht zwischen Touristen, Expats oder Migranten.» Der Australier liess sich zwischendurch nach Singapur entsenden, war in Sydney tätig, doch es zog ihn immer zurück nach Japan. «Ich schätze Pünktlichkeit, und die Leute hier sind sehr pünktlich. Sie arbeiten hart, und ich arbeite gerne hart. Die Regierung ist, wie ich, sehr wirtschaftsorientiert.» Japan passt zu seiner Persönlichkeit – und seine Persönlichkeit zu Japan.
Ein «religiöser Fachkräftemangel» begünstigte Shaku Hokais Karriere, als im Städtchen Tsuruga die Stelle im Tempel frei wurde. Im Winter türmen sich dort meterhohe Schneewände entlang der Strassen. Viele Junge ziehen vom abgelegenen Ort an der Westküste Japans weg, wollen lieber in den Grossstädten leben. Es fand sich auch kein japanischer Priester, der das Amt des Tempelvorstehers übernehmen wollte. Das war ihre Chance. Shaku Hokai wurde vom lokalen Tempel, der 25 Häuser betreut, herzlich aufgenommen und fühlte sich akzeptiert. Als Äbtissin organisiert sie Beerdigungen, gibt Konzerte und macht Hausbesuche.
Ihr Status als exotische Ausländerin verschaffe ihr mitunter sogar Vorteile, wenn andere Tempel sie als Predigerin einlüden. «Normalerweise kommt ein Opa mit Glatze, und viele schlafen während der Predigt ein», sagt die St. Gallerin trocken. «Und dann hören sie plötzlich eine Frau und Ausländerin.» Bei Shaku Hokai schläft vermutlich niemand ein. Sie hat eine einnehmende Präsenz, sie redet von der Leber weg, lacht während des Interviews schallend auf. Mit den Gastpredigten verdient sie sich einen Zustupf, da sie vom Tempeldienst in Tsuruga allein nicht leben kann.
Trotz perfekten Sprachkenntnissen und jahrzehntelanger Anpassung ist den beiden Zuwanderern bewusst, dass sie Aussenseiter bleiben – selbst wenn sie die Staatsbürgerschaft annehmen würden. Aufgrund ihrer westlichen Herkunft werden sie in dieser ethnisch sehr homogenen Gesellschaft immer als fremd wahrgenommen. Ein Pass ändert nichts an den Genen oder dem Aussehen. So bleibt ihre Integration ein permanenter Kraftakt, der im Alltag oft an subtilen Nuancen scheitert. Sie sind geschätzte Gäste auf Lebenszeit – aber eben Gäste.
Mirmikidis stört das wenig. Die Frage, wann er «zurückgehe», höre er bis heute regelmässig. Seine Antwort sei immer dieselbe: «Ich gehe nicht zurück. Hier ist mein Zuhause.» Er warnt davor, solche Bemerkungen als Ablehnung zu verstehen. Viele Japaner könnten sich schlicht schwer vorstellen, dauerhaft ausserhalb ihres Heimatlands zu leben.
Doch auch seine Geduld mit Japan hat Grenzen; zum Beispiel, als er notfallmässig ins Spital musste: Mehrmals lag Mirmikidis auf einer Bahre, festgezurrt im rasenden Fahrzeug, und hörte mit, wie der Rettungssanitäter die Spitäler abtelefonierte: «Wir haben einen Ausländer. Nehmt ihr ihn?» Nach zwei Absagen wegen vermeintlicher Sprachbarrieren stöhnte Mirmikidis von der Bahre her: «Hey, sagt nicht, dass ich Ausländer bin!» Erst das dritte Spital lenkte ein.