Präsidentenanwärter und Leopardenretter: Putins langjähriger Weggefährte Sergei Iwanow ist gestorben
Der einstige KGB-Agent im Westen war mehr als zwei Jahrzehnte lang ein prägendes Gesicht im Umfeld des Kremlchefs. Am Schluss fand er als Naturschützer seine eigentliche Berufung.
Sergei Iwanow wäre gerne Präsident Russlands geworden. Im Unterschied zu vielen anderen, die vom Aufstieg an die Staatsspitze träumen, war er einst dem Amt so nah wie wenige andere. Zusammen mit Dmitri Medwedew galt er 2007 als aussichtsreicher Nachfolger Wladimir Putins, der 2008 nach zwei Amtszeiten nicht nochmals kandidieren durfte.
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Beide waren langjährige Wegbegleiter des Kremlchefs. Iwanow hatte zu Beginn seiner Karriere im sowjetischen Geheimdienst KGB in Leningrad (heute St. Petersburg) sogar das Büro mit Putin geteilt. Im Sommer 2007 zeigten Meinungsumfragen einen Vorsprung für ihn. Putin zog ihm jedoch den elf Jahre jüngeren Medwedew vor. Am Freitag ist Iwanow im Alter von 73 Jahren gestorben.
Iwanow, 1953 in Leningrad geboren, war Philologe und sprach fliessend Englisch und Schwedisch. Seine Sprachkenntnisse legten die Basis seiner Laufbahn. Im Unterschied zu Putin, der im KGB nur mittelmässig vorankam und ins wenig prestigeträchtige sozialistische Ausland geschickt wurde, lebte Iwanow während Jahren das Leben eines Geheimdienstagenten im Westen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übernahm er leitende Funktionen im Auslandsgeheimdienst SWR, bis sein alter Freund Putin 1998 eher unverhofft an die Spitze des Inlandgeheimdienstes FSB rückte und ihn zu einem seiner Stellvertreter machte.
Von da an lag Iwanows weiterer Berufsweg fast dreissig Jahre lang im Umfeld Putins. Iwanow war Sekretär des Sicherheitsrats, bis ihn Putin 2001 zum ersten Verteidigungsminister machte, der nicht aus der Armee stammte. Zivilist war er mit seinem Generalsrang aus dem Geheimdienst zwar nicht. Aber als Aussenstehender fiel es ihm trotzdem leichter, die von ihm verlangten Armeereformen umzusetzen. Seine Erfahrung und sein Habitus waren diejenigen eines sogenannten «Silowiks», eines Vertreters des Sicherheitsapparats. So nahmen ihn Beobachter wahr, auch als er und Medwedew, der zivile Jurist aus dem «liberalen» Lager, sich ein informelles Wettrennen um die Putin-Nachfolge lieferten.
Das Attribut passte allerdings nicht ganz zu ihm. Er hielt Distanz sowohl zu den «Silowiki» als auch zu den «Liberalen» und gehörte keinem der inoffiziellen Clans an, die sich rund um den Kremlchef gebildet hatten. Obwohl ein Kritiker der Politik des Westens, kannte er diesen besser als manch anderer Funktionär. Im Rückblick fragt sich, inwieweit Russlands politische Entwicklung eine andere Wendung genommen hätte, wäre die Wahl nicht auf Medwedew gefallen.
Medwedew lieh während seiner vierjährigen Amtszeit dem Land die Hoffnung auf gesellschaftspolitische Veränderungen. Aber er vermochte sich Putins Rückkehr in den Kreml nicht zu widersetzen, mit der dieser die autoritäre Herrschaft von heute einleitete. Iwanow, hiess es immer wieder, sei für Putin auch deshalb nicht als Nachfolger infrage gekommen, weil er die Macht nicht so leicht wieder abgegeben hätte.
Iwanow fiel nicht in Ungnade, aber mit Medwedews Wahl endete seine ganz grosse Karriere. Einige Jahre lang war er Vizeministerpräsident mit Zuständigkeit für den Rüstungsbereich, dann übernahm er ab Ende 2011 für knapp fünf Jahre die Leitung der Präsidialverwaltung. Der Unfalltod seines älteren Sohns Alexander vor zwölf Jahren habe ihm, so heisst es, Elan und Arbeitsfreude genommen. Auch seine gesundheitlichen Probleme hätten damals begonnen.
Seinen Einfluss hatte er früh weniger für sein eigenes Wohlergehen als für das seiner Söhne Alexander und Sergei eingesetzt. Er sorgte dafür, dass Alexander keine Konsequenzen zu tragen hatte, nachdem bei einem von ihm verursachten Unfall in Moskau eine Frau zu Tode gekommen war, und er verhalf beiden Söhnen zu lukrativen Posten in staatlich kontrollierten Firmen.
Iwanow zog sich 2016 aus dem Rampenlicht zurück und übernahm die auf den ersten Blick unwichtige Position eines Sondergesandten des Präsidenten für Naturschutz, Umwelt und Verkehr. Indem er Mitglied des Sicherheitsrats blieb, behielt er seine Nähe zu Putin. Zugleich konnte er sich endlich ganz offiziell um das kümmern, was ihm lange schon am Herzen lag: exotische Dienstreisen und der Schutz von Tigern und Leoparden in Russland. Damit entging er dem Schicksal Medwedews, der sich als Sprachrohr der Kriegstreiber bei vielen im In- und Ausland der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Im vergangenen Februar schied Iwanow aus dem Amt aus – ohne Zerwürfnis, aus gesundheitlichen Gründen.
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