Das Erdbeben in Venezuela wird zum Stresstest für das Regime in Caracas
Naturkatastrophen können in Lateinamerika politisch explosiv sein – vor allem für autoritäre Regime. Erdbeben haben bereits politische Dynastien zerstört, aber auch politische Karrieren beflügelt.
Es war kaum eine Stunde nach dem verheerenden Erdbeben in Venezuela verstrichen, da meldete sich die Präsidentin des Landes, Delcy Rodríguez, in einer TV-Ansprache zu Wort. Sie erklärte den Katastrophenfall, rief zur Ruhe auf und kündigte die Aktivierung sämtlicher Rettungsdienste an. Ihre Botschaft: alles unter Kontrolle.
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Flankiert wurde sie bei ihrer Ansprache von den zwei mächtigsten Männern des Regimes. Zum einen von Diosdado Cabello, der als Minister für die Polizei, den Katastrophenschutz, die Gefängnisse sowie grosse Teile der inneren Sicherheit zuständig ist. Zum anderen von Jorge Rodríguez, ihrem Bruder, der als Parlamentspräsident fungiert. Immer wieder meldet sich die Präsidentin seit der Katastrophe zu Wort, mal allein, mal gemeinsam mit den beiden Männern. Sie weiss offensichtlich, was für sie und das Regime auf dem Spiel steht.
Denn Erdbeben und das Krisenmanagement danach können in Lateinamerika politisch explosiv sein – vor allem für autoritäre Regime wie jenes, das in Venezuela derzeit herrscht. Naturkatastrophen sind politische Stresstests, wie die Politikwissenschafter Richard S. Olson und Vincent T. Gawronski schreiben: «Sie legen die tatsächliche Handlungsfähigkeit, Kompetenz und Glaubwürdigkeit eines Staates offen.»
Das zeigte sich eindrücklich in Guatemala nach dem Erdbeben vom 4. Februar 1976. Ein Beben der Magnitude 7,5 erschütterte das mittelamerikanische Land. Rund 25 000 Menschen kamen ums Leben, etwa eine Million wurden obdachlos. Besonders betroffen waren die ländlichen, überwiegend indigenen Regionen.
Guatemala befand sich damals mitten in einem Bürgerkrieg und wurde von einem Militärregime regiert. Weil der Staat mit der Katastrophenhilfe überfordert war, organisierten sich viele Menschen erstmals selbst. Dadurch entstanden vielerorts zivile Hilfsstrukturen, die sich der Kontrolle des Militärs entzogen.
Das Regime reagierte darauf nicht mit mehr Hilfe, sondern mit brutaler Unterdrückung. Guatemala entwickelte sich in den Folgejahren zu einer der repressivsten Militärdiktaturen Lateinamerikas; rund 200 000 Menschen wurden getötet oder gelten bis heute als verschwunden. «Das Militärregime gewann kurzfristig Zeit und Kontrolle», schreiben Olson und Gawronski. «Langfristig untergrub es jedoch seine eigene Legitimität und trug zur späteren Demokratisierung bei.»
Noch existenzieller wird eine Naturkatastrophe für autoritäre Regime, wenn Korruption beim Wiederaufbau die Unterstützung durch die eigenen Eliten untergräbt. Genau das geschah nach dem Erdbeben in Nicaragua 1972.
Dort übernahm der Diktator Anastasio Somoza die Kontrolle über den Wiederaufbau. Internationale Hilfsgelder und Sachspenden flossen in Milliardenhöhe nach Nicaragua. Die Hauptstadt Managua wurde nach der weitgehenden Zerstörung ihres historischen Zentrums grossflächig neu aufgebaut.
Doch die Korruption nahm schnell überhand. Unternehmen der Familie Somoza erhielten lukrative Aufträge. Zahlreiche Hilfsgüter und Finanzmittel wurden umgeleitet oder verschwanden ganz. Die Korruptionsvorwürfe führten zu einem massiven Legitimitätsverlust.
Die bis dahin loyale Unternehmerelite wandte sich zunehmend von Somoza ab. Auch Teile der Mittelschicht und der katholischen Kirche verloren das Vertrauen in das Regime. Die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN), die zuvor eine vergleichsweise kleine Guerillabewegung gewesen war, gewann erheblich an Unterstützung – auch international.
Zwar fiel das Regime erst 1979. Doch die Historikerin Patricia del Real von der Harvard University sieht die nach der Katastrophe entstandenen Bündnisse zwischen Unternehmern, Kirche, Mittelschicht und Opposition als den entscheidenden Wendepunkt, der den Sturz Somozas überhaupt erst möglich gemacht hatte.
Bisher lässt sich nicht beurteilen, ob das Regime in Venezuela bei der gegenwärtigen Krisenbewältigung kompetent vorgeht. Doch die wenigen lokalen Medienvertreter kritisieren bereits jetzt die mangelnde Transparenz. Es gibt bis anhin, mehr als 36 Stunden nach den Erdstössen, kaum öffentliche Informationen über die Lage in der besonders stark betroffenen Küstenregion La Guaira, die nur rund dreissig Kilometer von der Hauptstadt Caracas entfernt an der Karibikküste liegt.
Die fehlende Transparenz ist jedoch Teil der Kommunikationsstrategie des Regimes. Fast 26 Jahre lang haben zunächst Hugo Chávez und später Nicolás Maduro öffentliche Informationen manipuliert oder gezielt im Interesse des Regimes interpretiert. Die heutige Präsidentin Delcy Rodríguez hat diese Form der Regierungskommunikation über Jahrzehnte mitgetragen und dürfte sie tief verinnerlicht haben.
Entscheidend wird deshalb sein, ob die Übergangsregierung in dieser Krise mit dieser Tradition bricht. «Wenn die Reaktion schnell, transparent und wirksam ist, kann die Übergangsregierung ihre Legitimität durch ihr Handeln zurückgewinnen», sagt der venezolanische Politikwissenschafter Benigno Alarcón in der spanischen Zeitung «El País». «Ist sie hingegen undurchsichtig, militarisiert, ausgrenzend oder korrupt, werden die sozialen Kosten, der internationale Druck und die Wahrscheinlichkeit innerer Spaltungen zunehmen.»
Für Alarcón ist das Erdbeben der neue Prüfstein dafür, wie das Regime den Prozess eines Übergangs zur Demokratie bewältigt. Bereits innerhalb von 72 Stunden, so seine Einschätzung, werde sich zeigen, ob die Regierung zur Krisenbewältigung in der Lage sei.
Neu ist, dass Rodríguez selbst von rechtskonservativen Regierungen wie jener von El Salvador oder von den USA Hilfe annimmt. Ihre Vorgänger Chávez und Maduro hatten humanitäre Hilfe mehrfach abgelehnt. «Wir sind doch kein Land von Bettlern», erklärte Maduro 2019, als die USA während der schweren Hungerkrise Hilfsgüter nach Venezuela schicken wollten.
Welche Folgen die Ablehnung internationaler Hilfe haben kann, zeigt das Erdbeben von Mexiko-Stadt 1985. Es markierte den Beginn des Endes der mehr als 55-jährigen Vorherrschaft der autoritären Einheitspartei PRI. Der damalige Präsident Miguel de la Madrid reagierte nur zögerlich auf die Katastrophe, bei der schätzungsweise 20 000 Menschen ums Leben kamen.
Seine Regierung ging äusserst ungeschickt vor. Das Militär wurde zunächst eher zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung als für Rettungseinsätze eingesetzt. Bemühungen zum Wiederaufbau verloren sich bald in der Bürokratie. Zudem wurde die Korruption beim Wohnungsbau immer offensichtlicher.