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Die EU-Staaten wollen mehr Afghanen abschieben. Was erwartet die Rückkehrer in ihrer Heimat?

Die EU-Staaten wollen mehr Afghanen abschieben. Was erwartet die Rückkehrer in ihrer Heimat?

Diese Woche hat die EU eine Delegation der Taliban in Brüssel empfangen, um über Abschiebungen zu verhandeln. Kritiker halten es nicht für zumutbar, nach Afghanistan auszuschaffen.

Deutschland ist bei der Abschiebung von Straftätern nach Afghanistan vorangegangen, nun wollen andere EU-Staaten folgen. Anfang der Woche hat die EU-Kommission eine fünfköpfige Delegation der Taliban in Brüssel empfangen, um über die Bedingungen von Abschiebungen zu verhandeln. Unter der Leitung von Schweden will eine Gruppe von zwanzig EU-Staaten mit dem islamistischen Regime in Kabul eine Vereinbarung erreichen, um straffällige Migranten nach Afghanistan ausschaffen zu können. Die Taliban fordern laut Medienberichten, dafür mehr Diplomaten nach Europa entsenden zu dürfen.

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Die Pläne sind politisch brisant und höchst umstritten. Die EU-Staaten haben die Taliban seit deren Machtergreifung 2021 nicht als rechtmässige Regierung Afghanistans anerkannt. Auch haben sie führende Vertreter des Regimes wegen der schweren Verstösse gegen die Menschenrechte und der Entrechtung der Frauen mit Sanktionen belegt. Menschenrechtler und andere Kritiker befürchten, dass die Taliban durch die Verhandlungen diplomatisch aufgewertet werden. Sie sehen darin einen Schritt zur Anerkennung des Regimes.

Die Kritiker halten es auch für nicht zumutbar, Menschen in ein Land abzuschieben, in dem Willkür und Gewalt herrschen und in dem der Grossteil der Bevölkerung in Armut lebt und Hunger leidet. Die deutsche Regierung und andere Befürworter der Abschiebungen argumentieren dagegen, dass der Schutz der eigenen Bevölkerung vor den Gewalttätern höher wiege als deren Anrecht auf Schutz. Durch ihre Straftaten, so die Logik, hätten sie ihren Schutzanspruch verwirkt.

Seit August 2024 hat die deutsche Regierung fünf Charterflüge mit straffälligen Afghanen nach Kabul organisiert – letztmals Anfang Juni. Dabei wurden über 180 Männer ausgeschafft, die gemäss den Angaben der Behörden in Deutschland wegen schwerer Straftaten wie Mord, Vergewaltigung, Drogenhandel, Kindesmissbrauch, räuberischer Erpressung oder politischer Gewalt zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden waren. Die meisten Männer hatten zum Zeitpunkt ihrer Abschiebung erst einen Teil der Strafe verbüsst.

Nach der Ankunft wurden die Männer am Flughafen Kabul verhört, anschliessend aber freigelassen. Laut deutschen Medienberichten hielten die Taliban die in Deutschland verübten Verbrechen nicht für relevant und sahen keinen Grund, die Täter dafür in Afghanistan erneut zu inhaftieren. Die deutsche Regierung hatte mit den Taliban auch keine Vereinbarung getroffen, dass die Straftäter nach der Abschiebung den Rest ihrer Strafen verbüssen müssen.

Eine solche Abmachung wäre mit dem deutschen Recht auch nicht vereinbar, da die Haftbedingungen in Afghanistan in keiner Weise deutschen Ansprüchen genügen. Gleichzeitig gab es allerdings auch keine Zusage, dass die Taliban die Straftäter nicht ins Gefängnis werfen oder erneut vor Gericht stellen. Kurzum: Die Absprachen beschränkten sich darauf, dass die Taliban ihre Landsleute zurücknehmen. Was danach mit ihnen passierte, war nicht Teil der Vereinbarung.

In der Praxis bedeutete die Abschiebung also: vom Gefängnis in die Freiheit. Allerdings ist die Lage der Männer dort prekär, sie sind oft stigmatisiert und werden ausgegrenzt. Auch steckt Afghanistan seit dem Sieg der Taliban im August 2021 in einer tiefen Wirtschaftskrise, die humanitäre Lage ist desaströs. Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger sind weit verbreitet. Nach Angaben der Uno sind 22 der 45 Millionen Einwohner auf Hilfe angewiesen, bei 17,4 Millionen ist die Ernährung nicht gesichert, 3,7 Millionen Kinder sind akut unterernährt.

Die allgemeine Sicherheitslage hat sich zwar deutlich verbessert, da der jahrelange Bürgerkrieg mit dem Abzug der internationalen Truppen und dem Sturz der prowestlichen Regierung 2021 zum Ende gekommen ist. Seither wird nur vereinzelt Widerstand gegen die Herrschaft der Taliban geleistet. Seit Februar gibt es jedoch Kämpfe mit Pakistan, das den Taliban die Unterstützung islamistischer Aufständischer vorwirft. Dadurch wurden 100 000 Einwohner aus dem Grenzgebiet vertrieben.

Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren knapp sechs Millionen Afghaninnen und Afghanen aus Iran und Pakistan deportiert worden sind. Die beiden Nachbarländer hatten seit der sowjetischen Besetzung Afghanistans in den achtziger Jahren jeweils Millionen afghanische Kriegsflüchtlinge, Arbeitsmigranten und Dissidenten beherbergt. Über Jahrzehnte hatten Islamabad und Teheran sie geduldet, in den vergangenen Jahren vollzogen sie jedoch eine Kehrtwende.

Den Anfang machte die pakistanische Regierung, als sie im Oktober 2023 die Ausweisung der 1,7 Millionen afghanischen Staatsbürger ohne Aufenthaltsgenehmigung anordnete. Sie beschuldigte die Afghanen, mitverantwortlich für die Welle des islamistischen Terrors zu sein, die Pakistan seit der Rückkehr der Taliban an die Macht 2021 erschütterte. Seither hat sich der Konflikt mit Kabul noch weiter verschärft, und Islamabad hat inzwischen die Anweisung zur Deportation auf sämtliche Afghanen ausgeweitet – egal ob sie gültige Papiere haben oder nicht.

Auch Iran schafft seit 2024 verstärkt Afghaninnen und Afghanen aus. Von den 4,5 Millionen afghanischen Staatsbürgern im Land waren etwa 800 000 als Flüchtlinge anerkannt, weitere 600 000 hatten ein gültiges Visum. Weitere 2,6 Millionen afghanische Migranten erhielten ab 2022 eine befristete Aufenthaltserlaubnis, die ihnen begrenzten Zugang zu sozialen Dienstleistungen gab. Einen Schutz vor Deportationen bot letztlich aber keines dieser Papiere.

Die Afghanen in Iran hatten schon immer unter Diskriminierung gelitten. Der Zwölf-Tage-Krieg mit Israel im Juni 2025 löste jedoch eine Welle der Fremdenfeindlichkeit aus. Afghanen wurden verdächtigt, für Israel spioniert zu haben. Auch wurden sie für Kriminalität und Drogensucht verantwortlich gemacht. Die Folge war eine beispiellose Deportationswelle im Juli 2025. In nur einem Monat waren 585 000 Afghanen gezwungen, Iran zu verlassen.

Insgesamt mussten 2025 aus Iran 1,9 Millionen Afghanen in ihre Heimat zurückkehren, aus Pakistan waren es eine Million. Dieses Jahr erwartet die Uno weitere 2,8 Millionen Rückkehrer aus den beiden Ländern. 60 Prozent der Rückkehrer sind Frauen und Kinder. Einige sind in Iran und Pakistan geboren und haben ihr ganzes Leben dort gelebt. Sie kommen somit in ein fremdes Land. Oft haben die Rückkehrer dort keine Familie mehr und kein soziales Netz.

Besonders prekär ist die Lage der Tausende von früheren Beamten, Richtern, Politikern, Journalisten und Angehörigen von Polizei und Armee, die nach dem Sturz der prowestlichen Regierung 2021 nach Pakistan geflohen waren. Auch viele Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Übersetzer, die für die internationalen Truppen gearbeitet hatten, fanden mit ihren Familien dort Zuflucht. Mit der Deportation nach Afghanistan drohen ihnen Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Tod.

Der Grossteil der Afghanen im Ausland ist jedoch nicht aus politischen Gründen dort. Vor allem in Iran sind es zumeist Arbeitsmigranten, die für einige Jahre dort Geld verdienen. In einer Studie des Mixed Migration Centre von August 2025 gaben 88 Prozent der befragten Rückkehrer an, aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland gegangen zu sein. 75 Prozent waren weniger als fünf Jahre dort, nach ihrer Deportation kehrten 71 Prozent an ihren Heimatort zurück.

Das feindliche Klima in Iran und Pakistan hält die meisten vorerst davon ab, erneut ihr Glück im Ausland zu suchen. Zwar haben sie angesichts der allgemeinen Not und Misere in Afghanistan grosse Mühe, Wohnung und Arbeit zu finden. Gemäss der Studie erwägt aber nur jeder zehnte Rückkehrer, in Kürze wieder ins Ausland zu gehen. Für die Straftäter aus Deutschland gilt dies allerdings nicht: Gegenüber deutschen Medien gaben viele der Männer an, nicht in Afghanistan bleiben zu wollen. Ihr Ziel: Europa. Die Taliban werden sie kaum daran hindern.

Unter grosser Geheimhaltung sind Vertreter der afghanischen De-facto-Regierung nach Brüssel gereist. Die EU-Staaten sind auf ihre Mitarbeit angewiesen, wollen sie aber nicht diplomatisch anerkennen.

Per Charterflug hat die deutsche Regierung zwei Dutzend Straftäter nach Afghanistan ausgeschafft. Weitere Flüge dürften folgen, weil die diplomatischen Weichen nun gestellt sind.