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NZZ International

INTERAKTIV - Alle Angriffe und Rückeroberungen der letzten vier Kriegsjahre – klicken Sie sich durch unsere Karte

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Dieser Krieg ist anders. Zwar treffen auch in diesem Mensch und Maschine aufeinander, doch im Gegensatz zu vergangenen Konflikten kann die Weltöffentlichkeit fast in Echtzeit die Entwicklungen mitverfolgen. Auch wir nutzen die Informationsflut, die uns aus der Ukraine erreicht, um Ihnen ein möglichst aktuelles Bild der Lage zu vermitteln. Unsere interaktive Karte oben zeigt aktuelle Ereignisse, Gebietsgewinne und -verluste, Satellitenbilder und die Position russischer Truppen. Sie ist ein Versuch, die Kriegswirklichkeit zu kartografieren.

Nur, die Realität ist komplexer, als Karten zeigen könnten. Karten zeigen immer nur einen bestimmten Blickwinkel und können sich der Wirklichkeit nur annähern. Deshalb wollen wir hier aufzeigen, welche Überlegungen unserer Karte zugrunde liegen, was sie aussagt und was nicht.

Die Kurzantwort: alles, was für das Verständnis des Krieges relevant ist, wir verifizieren konnten oder aus glaubwürdiger Quelle stammt. Die ausführliche Antwort hingegen ist komplexer und – weil sich der Krieg laufend verändert – im ständigen Wandel begriffen.

«Relevant» heisst für uns zum Beispiel, wo Kampfhandlungen stattfinden; oder strategisch wichtige Ziele wie Flughäfen, Kraftwerke, Sendemasten oder Brücken, die angegriffen oder eingenommen wurden. Einzelne zerstörte Gebäude vermelden wir nicht, es sei denn, der Angriff hat symbolischen Wert oder hat aussergewöhnlich viele Opfer gefordert. Zum Beispiel: In der umkämpften Stadt Mariupol wird ein Theater zerstört, in dessen Kellern Hunderte Zivilisten ausharren.

Wir halten uns zurück beim Zeigen von Toten, Ereignissen, die der (russischen oder ukrainischen) Propaganda dienen oder gegen das Völkerrecht verstossen. So zeigen wir etwa keine Bilder, auf denen gefangene Soldaten erkennbar sind.

» Lesen Sie hier mehr dazu, wieso das Zeigen von Gefangenen problematisch ist.» Lesen Sie hier mehr darüber, wann wir Bilder von Toten zeigen.

Wir verzeichnen auf der Karte hauptsächlich jene Angriffe, die wir über mehrere unabhängige Quellen belegen konnten. Unsere Quellen sind etwa Twitter, Facebook, Telegram oder Nachrichtenagenturen. Auch Mitteilungen von lokalen Behörden beziehen wir in die Recherche ein, behandeln diese Informationen jedoch mit Vorsicht.

Wir prüfen jedes Bild und Video darauf, ob es am angegebenen Ort aufgenommen wurde und ob der angegebene Zeitpunkt plausibel ist. Zur Verifikation nutzen wir etwa Satellitenbilder oder Google-Street-View-Aufnahmen, stützen uns aber auch auf andere, verlässliche Recherchenetzwerke (wie Bellingcat) oder Privatpersonen (sogenannte Osint-Spezialisten, dazu hier mehr).

Können wir etwas nicht verifizieren, halten das Ereignis jedoch für plausibel, so geben wir diese Unsicherheit an und erwähnen die Quelle.

» Mehr dazu, wie wir Ereignisse verifizieren, lesen Sie hier.» Mehr dazu, wie Sie selbst Fake News auf Social Media erkennen, lesen Sie hier.

Wir erfassen von Montag bis Freitag aktuelle Meldungen. Manche Ereignisse sehen wir zwar, kurz nachdem sie eingetreten sind, können sie aber erst am Folgetag anhand weiteren Materials verifizieren.

Offizielle Angaben von ukrainischer oder russischer Seite, welche Gebiete unter wessen Kontrolle stehen, gibt es nicht. Und wenn, wären sie nicht verlässlich. Karten wurden schon immer für politische Zwecke missbraucht (China zeichnet etwa Meeresgebiete als zu China zugehörig ein, um seinen Anspruch darauf zu festigen).

Gleichzeitig hat sich auch die Art der Kriegsführung verändert. Angreifer fahren nicht wie etwa im Zweiten Weltkrieg mit einer breiten Front über Wald und Wiesen und annektieren Quadratmeter um Quadratmeter. Stattdessen fokussieren sich die Kampfhandlungen auf strategisch wichtige Strassen, Städte oder Einrichtungen. Karten mit grossflächig den russischen Truppen zugesprochenen Gebieten repräsentieren daher oft nicht den tatsächlichen Einfluss einer Kriegspartei.

Dies verdeutlicht das folgende Beispiel. Die erste Karte stammt von der ukrainischen Organisation Liveuamap (dazu später mehr). Statt ganzer Flächen schlagen die Macher oft nur einzelne Strassen russischen Truppen zu. Derselbe Tag zeigt gemäss dem amerikanischen Institute for the Study of War weit grössere russische Erfolge. Auf der letzten Karte der russischen Zeitung «Readowka» erwecken als «Kriegsgebiet» eingefärbte Gebiete den Eindruck, grosse Teile des Ostens seien unter russischer Kontrolle.

Für unsere Karte nutzen wir Daten von Liveuamap. Diese Organisation entstand 2014 in der Ukraine während der Krim-Annexion. Die Mitarbeitenden behandelten seitdem verschiedene Konflikte in und ausserhalb Europas. Auf ihre Daten hat sich die NZZ auch bei anderen Konflikten gestützt.

» Wie genau Liveuamap seine Daten erhebt, lesen Sie hier.

Wir haben die Beschriftung für die roten Flächen geändert. Zu beginnt nannten wir diese «russische Vorstösse». Die Situation damals war unübersichtlich, russische Einheiten stiessen immer wieder in neue Gebiete vor. Ob sich damit das Gebiet aber auch unter russischer Kontrolle befand, war schwer zu sagen.

Nun sind die Frontlinien klarer. In besetzten Gebieten wird auch politisch Einfluss – zum Beispiel durch Unabhängigkeitsreferenden – genommen. Deshalb nennen wir die roten Flächen nun «russisch besetzte Gebiete».

» Lesen Sie dazu von «Übermedien» mehr zum Thema «Die Macht der Karten».