Einst war die Krim ein Ferienparadies, jetzt ist es eine isolierte Festung ohne Benzin
Ab sofort dürfen Autofahrer auf der russisch besetzten Halbinsel nicht mehr auftanken. Ukrainische Luftangriffe haben zudem die Fährverbindung zum Festland lahmgelegt.
Die im Mai ausgebrochene Benzinkrise auf der russisch besetzten Halbinsel Krim hat am Sonntag einen neuen dramatischen Höhepunkt erreicht. Benzin ist inzwischen so knapp geworden, dass an den Tankstellen ab sofort nur noch staatliche Notfalldienste bedient werden dürfen. Private Autofahrer müssen gar nicht mehr erst ihr Glück versuchen und sich in die Warteschlangen an den Tankstellen einreihen. Das Verkaufsverbot gab der von Moskau eingesetzte Regierungschef Sergei Axjonow am Sonntagmorgen bekannt, ohne eine Prognose für die Dauer der Einschränkung zu machen.
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In den Wochen zuvor hatten die Behörden ein Rationierungssystem eingerichtet, um die Versorgungskrise zu lindern. Autofahrer konnten eine Tankfüllung beantragen und erhielten dafür einen QR-Code zugeschickt. Doch diese Codes waren zuletzt am Morgen jeweils schon innert Sekunden alle vergeben. Nun ist das Versorgungssystem völlig zusammengebrochen, mit weitreichenden Konsequenzen.
Schon vor zwei Wochen hatte die russische Zeitung «Kommersant» gemeldet, dass die Zahl der Hotelbuchungen auf der Krim im Vergleich zum Vorjahr auf einen Drittel gesunken sei. Nun, kurz vor der Hauptreisezeit, ist schwer vorstellbar, dass noch viele russische Touristen die Unannehmlichkeiten einer Reise in das einstige Ferienparadies auf sich nehmen wollen. Mit dem Versiegen des Benzin-Nachschubs dürften bald weitere Versorgungsprobleme auftreten. Am Montag sagten die Behörden auch sämtliche Sommerlager von Kindern und Jugendlichen aus Russland auf der Krim ab.
Begonnen hatte die Krise, als die ukrainischen Drohnentruppen vom April an systematisch Tanklastwagen auf der Route durch die besetzte Südukraine ins Visier zu nehmen begannen. Mehr als 500 Lastwagen, darunter viele Benzintransporter, wurden seither zerstört – im Internet kursieren ungezählte Videos von ausgebrannten Wracks entlang dieser Strecke.
Es gibt zwar noch weitere Versorgungsrouten, aber diese sind mit eigenen Problemen behaftet. Die 2018/19 eröffnete Strassen- und Eisenbahnbrücke vom russischen Festland nach Kertsch auf der Krim ist nach mehreren ukrainischen Sprengstoffangriffen nur noch eingeschränkt nutzbar. Die Gründe sind offiziell nie mitgeteilt worden, aber angeblich werden Stabilitätsmängel befürchtet. Der Schwerverkehr darf die Strassenbrücke nicht benutzen, wie die Behörden am Sonntag bestätigten. Zudem werden keine Zisternenwagen mit entzündlichen Treibstoffen mehr über die Eisenbahnbrücke geführt – aus Sicherheitsgründen, nachdem der ukrainische Geheimdienst auf der Brücke eine Bombe neben einem fahrenden Zug gezündet hatte.
In dieser Notlage hatte Russland in den vergangenen Wochen seine Hoffnungen auf die Fährverbindung über die Meerenge von Kertsch gerichtet. Aber erstens mangelt es an einsatzbereiten Fähren, und zweitens handelt es sich dabei um ein leichtes Ziel der ukrainischen Truppen.
In der Nacht auf Sonntag griffen mehrere Kamikazedrohnen den Hafen Port Kawkas an, von dem aus die Schiffe zur wenige Kilometer entfernten Krim-Küste übersetzen. Dabei wurde mindestens ein Fährschiff getroffen und ein Feuer im Erdölterminal entfacht. Ein weiterer Angriff verursachte auf der anderen Seite der Meerenge im Hafen von Kertsch einen Grossbrand in einem Treibstofflager. Der Fährverkehr ist nun auf unbestimmte Zeit unterbrochen, wie die russischen Behörden mitteilten.
Somit sind die Russen mehr denn je auf die prekäre Landverbindung durch die besetzte Südukraine angewiesen. Aus Videos von Drohnen und Augenzeugen geht hervor, dass die Besetzertruppen nun verstärkt Abfangdrohnen einsetzen, um die unbemannten Fluggeräte der Ukrainer abzuwehren. Zudem erhalten Tanklastwagen bewaffneten Begleitschutz durch Militärfahrzeuge; von dort aus versuchen Maschinengewehrschützen, die feindlichen Drohnen rechtzeitig abzuschiessen.
Spürbare Abhilfe haben solche Massnahmen bisher nicht gebracht. Die Krise verschärft sich vielmehr auch deshalb, weil die Ukrainer systematisch die drei Übergänge vom südukrainischen Festland zur Krim angreifen. Wegen der Beschädigung der wichtigen Brücke von Tschonhar haben die Russen dort eine behelfsmässige Pontonbrücke errichtet. Die Route ist laut Berichten in sozialen Netzwerken deshalb noch offen, aber der Verkehr ist erschwert.
Immer stärker stellt sich die Frage, welches Ziel sich die Ukrainer mit der Abschnürung der Halbinsel setzen. Es geht zweifellos nicht primär darum, wirtschaftlichen Schaden anzurichten und das dortige Leben lahmzulegen. Der Geheimdienst SBU äusserte am Sonntag die Überzeugung, dass die Angriffe auch zur Schwächung des russischen Militärs beitragen. Die Zerstörung der Hafeninfrastruktur und von Erdölanlagen erschwere dem Gegner die Logistik und schaffe für ihn zusätzliche Probleme bei der Verlegung von Truppen und Militärmaterial.
Belege dafür, dass auch in den Streitkräften der Treibstoff knapp wird, gibt es allerdings kaum. Russlands Militär dürfte bei der Verteilung klar Priorität erhalten. Bis die Ukrainer die Voraussetzungen dafür schaffen, an der Südfront eine neue Gegenoffensive auf einen geschwächten Feind zu lancieren, scheint der Weg deshalb noch weit. Für die Führung in Kiew ist es immerhin schon ein grosser Erfolg, dass die russischen Angriffe an dieser Front seit dem Mai weitgehend erlahmt sind.
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