Inspektoren, ein Krisenstab und eingefrorene Guthaben: Auf dem Bürgenstock gab es wenigstens ein bisschen Fortschritt
Nach dem Treffen in der Innerschweiz zeigen sich alle Beteiligten erfreut. Trotzdem gelang bei den Verhandlungen zwischen Iran und Amerika aber kein grosser Durchbruch. Vor allem in Libanon bleibt die Lage angespannt.
Einen Erfolg konnten die Vermittler aus Katar und Pakistan für sich verbuchen: Der Gipfel zwischen Iran und Amerika auf dem Bürgenstock fand nicht nur statt – er wurde auch ordentlich zu Ende geführt. Dabei sah es vorübergehend ganz anders aus: Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump während der laufenden Gespräche mit neuen Angriffen auf Iran gedroht hatte, erwog die iranische Delegation eine vorzeitige Abreise.
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Am Schluss konnten Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf und Aussenminister Abbas Araghchi nicht nur zum Bleiben überredet werden: Sie verliessen den idyllischen Bergrücken in der Innerschweiz am Montag sogar mit einem Lächeln. Die Unterredungen seien sehr gut verlaufen, sagten alle Beteiligten später. Nicht nur die Katarer und Pakistaner bezeichneten sie als produktiv.
Die Verhandlungen in der Schweiz würden die Grundlage für ein erfolgreiches Abkommen legen, sagte auch der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance, der die Delegation aus Washington auf dem Bürgenstock anführte. Zwar brachte das Treffen wie erwartet nicht den grossen Durchbruch. Immerhin erklärte sich Iran laut Vance aber angeblich bereit, die Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA wieder in ihr Land zu lassen.
Ob das tatsächlich zutrifft, ist unklar. Iran habe in der Schweiz keine Verhandlungen über sein Atomprogramm geführt und sei keine neuen Verpflichtungen eingegangen, sagte der Sprecher des iranischen Aussenministeriums, Esmaeil Baghaei, am Montag der staatlichen Nachrichtenagentur Irna. Die Zusammenarbeit Irans mit der IAEA werde gemäss den geltenden Verfahren fortgesetzt, vorbehaltlich der Zustimmung des iranischen Parlaments und der Beschlüsse des Obersten Nationalen Sicherheitsrates.
Die Inspektoren waren zuletzt im Sommer 2025 dort gewesen. Die Rückkehr der Nuklearüberwacher ist ein erster Vertrauensbeweis zwischen den beiden Kriegsparteien. Schliesslich war Irans Atomprogramm – neben Trumps ausdrücklichem Wunsch, das Teheraner Regime zu stürzen – einer der zentralen Kriegsgründe gewesen.
Zudem einigten sich beide Seiten auf eine Art Roadmap, mit deren Hilfe in den nächsten 60 Tagen Lösungen für die übrigen Streitpunkte gefunden werden sollen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Strasse von Hormuz offen bleibt. Der Seeweg im Persischen Golf war kurz nach den Angriffen Amerikas und Israels auf Iran von den Revolutionswächtern gesperrt worden. Nicht zuletzt hob Washington vorerst die Sanktionen auf iranische Ölexporte auf.
Andere Fragen bleiben ungelöst. Zwar überlegen die Amerikaner, eingefrorene Guthaben Irans freizugeben. Genaueres ist dazu aber noch nicht bekannt. Daneben ist es vor allem Libanon, welches den Beteiligten Kopfzerbrechen bereitet. Im Levante-Staat kämpft Amerikas Verbündeter Israel immer noch gegen die proiranische Hizbullah-Miliz. Teheran will, dass sich Jerusalems Armee aus dem Land zurückzieht. Israel weigert sich jedoch.
Libanon war auch der Grund für den einzigen Eklat auf dem Bürgenstock: Donald Trump hatte aus der Ferne von Teheran gefordert, den Hizbullah an die Kandare zu nehmen, und im Verweigerungsfall mit Gewalt gedroht. Daraufhin verliessen die Iraner kurzerhand den Verhandlungsraum. Am Ende einigten sich die Unterhändler auf einen Krisenstab für das kaputte Mittelmeerland.
Ob dieser neue Mechanismus zur Deeskalation – über dessen genaue Funktionsweise nichts bekannt ist – an der Lage im Land etwas ändern kann, ist fraglich. Weder Israel noch der Hizbullah waren an den Verhandlungen beteiligt. Während die Schiitenmiliz inzwischen fast vollständig iranhörig geworden ist, fahren die Israeli einen eigenen Kurs. Nur mit viel Mühe konnte Trump seine Verbündeten am Wochenende von einer Waffenruhe überzeugen.
Derweil versucht Libanons Regierung verzweifelt, nicht ganz die Kontrolle über ihr Land zu verlieren. Am Montag kam Präsident Joseph Aoun immerhin in den Genuss eines Telefongesprächs mit Vance. In nächster Zeit soll er zudem nach Washington reisen. Was dort besprochen werden soll, ist unklar. Libanons schwache Armee kann weder das eigene Territorium gegen die Israeli verteidigen noch den Hizbullah entwaffnen.
Als wäre das nicht schlimm genug, musste Aoun auch noch tatenlos zusehen, wie die Iraner über seinen Kopf hinweg über das Schicksal Libanons verhandelten. Zähneknirschend begrüsste er den von Teheran erzwungenen Waffenstillstand zwar, betonte aber, Libanon sei ein souveräner Staat und müsse selbst entscheiden. Aoun hatte als Reaktion auf den Krieg direkte Verhandlungen mit Israel aufgenommen – bisher allerdings ohne zählbaren Erfolg.
Am Sonntag haben in der Innerschweiz die eigentlich für Freitag geplanten Verhandlungen zwischen Amerikanern und Iranern stattgefunden. Ob sie zu einem Erfolg führen werden, ist ungewiss. Derweil herrscht in Libanon ein Waffenstillstand.
Laut Donald Trumps Abkommen mit Teheran sollen auch in Libanon die Waffen schweigen. Doch bis heute kämpfen der Hizbullah und Israel weiter. Eine Reise durch ein Land, in dem trotz massiver Zerstörung Siegesfeiern abgehalten werden.
Der Krieg gegen Iran endet für die USA in einem Misserfolg. Er könnte den amerikanischen Einfluss im Nahen Osten und das Verhältnis zu Israel nachhaltig schwächen. Aber er ist für die Falken in Washington auch eine Gelegenheit für ein Umdenken.