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Der Trump vor Trump: Vor 30 Jahren scheiterte Pat Buchanans konservative Revolution – heute prägt sein Erbe die USA

Der Trump vor Trump: Vor 30 Jahren scheiterte Pat Buchanans konservative Revolution – heute prägt sein Erbe die USA

Schon im Kulturkampf der 1990er Jahre war der Antisemitismus der Spaltpilz der Konservativen. Er ist es auch heute noch.

Trump gab es schon vor Trump. Die Ideen, die er verkörpert, haben eine lange Tradition in den USA. Und sie werden ihn überleben. Es waren ausgerechnet die 1990er Jahre, in denen ein Kulturkampf losbrach, der viel mit den gegenwärtigen Debatten gemeinsam hat. Er erschütterte schon damals nicht nur die Republikanische Partei, sondern trieb das ganze Land um.

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Das erstaunt zuerst einmal. Denn soeben hatte der Westen unter der Führung Amerikas den Kalten Krieg gewonnen. Die Sowjetunion zerfiel, und die USA waren, wie es hiess, die übrig gebliebene Supermacht. Der «unipolare Moment» war gekommen, und Francis Fukuyama verkündete den endgültigen Sieg von Liberalismus und Kapitalismus.

Der scheidende Präsident Ronald Reagan hatte Anfang 1989 sein Land als die «strahlende Stadt auf dem Hügel» beschworen. Doch das abgewandelte Bibelwort, das die USA zum Leuchtturm der Hoffnung stilisiert, passte schlecht zum Lebensgefühl vieler Amerikaner. Das hatte vor allem mit der Wirtschaft zu tun. Die Reformen der Reagan-Jahre hatten die gesellschaftliche Ungleichheit stark vergrössert.

Zu den Gewinnern gehörten tendenziell die Kapitalbesitzer, zu den Verlierern die Mittel- und die Arbeiterklasse, deren Jobs die beschleunigte Deindustrialisierung prekär oder überflüssig gemacht hatte. 1990 und 1991 waren Rezessionsjahre. In weiten Teilen der Gesellschaft breitete sich Zukunftsangst aus.

Auch aussenpolitisch bewegte sich der Hegemon noch unsicher in der neuen Welt. An seiner Spitze stand mit George H. W. Bush ein klassischer Konservativer und Vertreter des Washingtoner Establishments, den der Kalte Krieg geprägt hatte. Doch galten dessen Lehren noch? Die Experten debattierten über die Rolle, die Amerika jetzt übernehmen müsse. Im State Department machte man sich daran, neue Bedrohungsbilder zu entwerfen, und überlegte, wie das nationale Interesse zu definieren sei.

Das ist der Boden, auf dem um 1990 der «culture war» ausbricht. Den Begriff hat 1991 der Soziologe James Davison Hunter geprägt. Er ist abgeleitet vom deutschen «Kulturkampf», dem Konflikt Bismarcks mit der katholischen Kirche in den 1870er Jahren. Und wie im historischen Original prallen auch in der amerikanischen Version nicht einfach Interessen aufeinander, sondern fundamental verschiedene Vorstellungen von der Gesellschaft. Der Untertitel von Hunters Buch heisst denn auch: «Der Kampf um die Definition Amerikas».

In dieser Auseinandersetzung geht es um das Schulgebet, um Abtreibung, um die gesellschaftliche Rolle der Familie und um das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weissen. Hunter, der Analytiker und Zeitgenosse, betont, dass es in dem Streit nicht nur um verschiedene Vorlieben oder abweichende Werte gehe. Zur Debatte stehen eine moralische Ordnung und die Frage, wer sie festlegt.

Verstärkt werden die Verunsicherungen durch den Wandel der Medienlandschaft. Das Kabelfernsehen mit unzähligen Anbietern dominiert und beschleunigt den News-Zyklus mit Programmen rund um die Uhr. Das Publikum löst sich in fragmentierte Konsumentengruppen auf.

Und noch mehr erinnert an die Gegenwart: Schon Ende der 1980er Jahre begann ein Streit um Political Correctness, die, so klagen Kritiker, wie eine Gedankenpolizei aus ihren Hochburgen an den Universitäten über die Medien in die Gesellschaft ausschwärme. Den Begriff «woke» gab es noch nicht, aber der Vorwurf ist ganz ähnlich: Die Vertreter von PC wollten festlegen, wie und mit welchen Begriffen über Rasse oder Geschlecht gesprochen werden darf.

Was den «culture war» auszeichnet, ist die Unversöhnlichkeit seiner Protagonisten. An Kompromissen sind sie nicht interessiert, denn es sind Glaubenskämpfe, die sich immer neue Themen aneignen. Und nicht nur das, selbst Verhaltensweisen, Sprachregelungen, ja Gegenstände (wie heute Hygienemasken oder Windturbinen) geraten in den Sog des Kulturkampfs. Es sind rechte und linke Intellektuelle und Aktivisten, die die Konflikte anzetteln. Aber über seine mediale Inszenierung werden sie zu mächtigen Treibern der politischen Mobilisierung von Bürgerinnen und Bürgern.

1992 ist ein Wahljahr. Die Umfragewerte des amtierenden George H. W. Bush sind miserabel. Die Stimmung in der Partei ist schlecht. Das ist der Moment, in dem sich der ultrakonservative Politikberater und Medienmann Pat Buchanan entscheidet, mit einem radikalen Programm die Parteielite herauszufordern. Er bewirbt sich mit einer Rede um die Kandidatur, die – bis heute – ein Klassiker des kulturkämpferischen weissen amerikanischen Nationalismus ist.

Der Ort ist wenig glamourös, die Vorhalle eines Verwaltungsgebäudes in Concord, New Hampshire. Buchanan ist kein faszinierender Charismatiker, aber doch ein brillanter Redner. Im dunklen Anzug betritt der 53-Jährige den Raum in Begleitung seiner Frau und seiner Schwester. Etwa hundert seiner Anhänger und fast so viele Journalisten warten dort. Dann legt er los. Es ist keine Hetzrede, eher eine Predigt: Seine Aussagen unterstreicht er mit Handbewegungen, die die Zeitschrift «Vanity Fair» an Karateschläge erinnern.

Aber vor allem ist es eine Kriegserklärung an das Establishment der Partei, die gleichzeitig das Weltbild des konservativen Revolutionärs auf den Punkt bringt: Das Ende des Kalten Kriegs sei nicht das Ende der Geschichte, sagt Buchanan. Im Gegenteil: Die Kraft, die die neue Welt forme, sei der Nationalismus: «Wenn wir unser westliches Erbe an die nächsten Generationen weitergeben und es nicht in der Abfallgrube des Multikulturalismus landen soll, dann muss unser Nationalismus heissen: America first!»

Gefahr für den Westen lauere im Fernen Osten, so Buchanan, wo Japan den USA den wirtschaftlichen Rang ablaufe. Und auf dem alten Kontinent raube die Europäische Gemeinschaft den Nationen ihre Identität. Bush sei zwar ein ehrenwerter Mann, aber völlig ahnungslos. Deshalb müsse Washington zurückerobert und von den Lobbyisten befreit werden. «Bush ist ein Globalist, wir sind Nationalisten! Er ist die Vergangenheit, wir sind die Zukunft!» Das Establishment verschleudere den Reichtum der Nation für eine vage neue Weltordnung. «Aber wir holen uns unsere Partei zurück, wir holen uns unser Land zurück!»

Buchanan war chancenlos innerhalb der damaligen Republikanischen Partei. Der amtierende Präsident wurde nominiert und verlor prompt die Wahl gegen den jungen Demokraten Bill Clinton. In einem war sich Buchanan sicher: Bush hatte verloren, weil sein Establishment-Konservatismus und sein Globalismus die «America-firsters» nicht mobilisieren konnte. 1996 nahm Buchanan nochmals einen Anlauf. Aber seine Botschaft war unter Republikanern nicht mehrheitsfähig. Noch nicht.

Patrick Joseph Buchanan war 1938 in Washington in eine katholische Familie geboren worden. Sein Vater besass eine Buchhaltungsfirma, die Mutter war Krankenschwester. Pat war eines von neun Kindern. Er besuchte in der Heimatstadt eine Jesuitenschule und schloss 1962 nach mehreren Anläufen an der Columbia-Universität ein Journalismusstudium ab.

Seine Kolumnen und pointiert konservativen Debattenbeiträge hatten Erfolg. Mitte der sechziger Jahre wurde er Assistent in der Anwaltskanzlei des späteren Präsidenten Nixon. Dieser nahm ihn als Redenschreiber und Strategieberater mit ins Weisse Haus. Dort forderte er 1972 seinen Chef vergeblich auf, sich in die Tradition der ultrakonservativen «Anti-Establishment-Bewegung» zu stellen.

Buchanans Konservatismus wollte nicht einfach das Bestehende bewahren, sondern durch eine Revolte eine idealisierte Vergangenheit wiederherstellen. Nixon bezeichnete ihn einmal als einen «ewigen Segregationisten», der der Rassentrennung noch immer nachtrauere. Immerhin nahm er Buchanans Kampfbegriff der «schweigenden Mehrheit» auf: die Parteinahme für jene Amerikanerinnen und Amerikaner, denen der linke Protest und die Vorherrschaft der liberalen Medien die Stimme genommen hätten.