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Sie war eines der ersten Opfer der Atombombe – und wartet bis heute auf eine Entschädigung

Sie war eines der ersten Opfer der Atombombe – und wartet bis heute auf eine Entschädigung

Barbara Kent erlebte den ersten Atombombentest vor 80 Jahren in einem Ferienlager in New Mexico. Über das Schicksal der ersten Strahlenopfer wird bis heute geschwiegen. Besuch bei einer widerständigen Frau.

Wie Schnee hätten die Flocken ausgesehen, erinnert sich Barbara Kent. Weiss und fein rieselten sie vom Himmel. Schneefall war die einzige Erklärung, die die damals 13-Jährige und ihre Freundinnen für das hatten, was sich am Morgen des 16. Juli 1945 in ihrem Ferienlager in New Mexico in der Kleinstadt Ruidoso zutrug. Die Mädchen versuchten die Flocken zu fangen, rieben sie sich ins Gesicht und über die Arme. Schön warm fühlte sich das an.

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«Wir dachten, im Sommer sind Schneeflocken wohl warm», sagt Kent, und ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht, als sie sich an die kindliche Unschuld erinnert. «Wir wussten es einfach nicht besser.» Die 94-Jährige sitzt auf dem Sofa ihrer Wohnung in einem Altersheim in Laguna Woods, Südkalifornien. Die grauen Haare trägt sie sorgfältig frisiert, das blaue Shirt betont ihre strahlenden Augen. Mit leiser Stimme erzählt sie von jenem Morgen in New Mexico im Juli 1945:

Zum Ferienlager ist Kent tags zuvor mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Bobbie angereist. Zweieinhalb Stunden brauchten sie mit dem Auto von ihrer Heimatstadt El Paso in Texas. Die nächsten fünf Tage wird Barbara Ballett und Stepptanz lernen, mit gleichaltrigen Mädchen spielen, in einer Holzhütte am Fluss schlafen.

Doch gleich die erste Nacht endet mit einem Schreck. Gegen halb sechs Uhr schleudert eine Druckwelle die Mädchen aus den Hochbetten ihres Schlafsaals. Die Tanzlehrerin scheucht alle nach draussen: «Sie dachte, dass ein Heizkörper explodiert sein könnte», sagt Kent. Im Freien angekommen, sehen sie eine riesige Wolke am Horizont und ein Licht, «so, als wäre schlagartig die Sonne aufgegangen». Wenige Stunden später rieseln dann die weissen Flocken vom Himmel.

Die Mädchen können sich die Ereignisse nicht erklären, aber sie sorgen sich auch nicht darum: Sie ziehen ihre Badeanzüge an, springen in den Fluss und spielen im vermeintlichen Schneefall. Ein Foto zeigt Barbara Kent an jenem Tag, lachend und unbeschwert.

Tags darauf beruft das amerikanische Militär alle Anwohner ins Ortszentrum, die Tanzlehrerin und die Mädchen kommen auch. Ein Sprecher präsentiert ihnen eine Erklärung für die merkwürdigen Ereignisse des Vortags: Ein Munitionslager in der Nähe sei explodiert, deswegen die Explosion und das grelle Licht. Die Flocken seien nichts als Asche. Niemand sei verletzt worden oder ums Leben gekommen. «Wir wunderten uns, warum das Militär jemanden schickte, wenn doch alles in Ordnung war», sagt Kent. Auch die Nachrichtenagentur Associated Press verbreitet die Geschichte vom explodierten Munitionslager.

In Wahrheit ist es eine Falschmeldung, gezielt platziert von der amerikanischen Regierung. Die Beamten wollen vor den Anwohnern verheimlichen, was sich in den frühen Morgenstunden des 16. Juli tatsächlich zugetragen hatte: der erste Atombombentest der Menschheit. Es war der Höhepunkt des jahrelangen, streng geheimen Forschungsvorhabens Manhattan-Projekt.

In der Nähe von Alamogordo, mitten in der Wüste von New Mexico, hatte das amerikanische Militär in dreissig Metern Höhe eine gewaltige Bombe aus dem radioaktiven Material Plutonium explodieren lassen. Drei Pfund davon waren explodiert, die übrigen zehn verteilten sich hingegen in der Atmosphäre. Die Sprengkraft übertraf alles Vorstellbare. Sie war so gewaltig, dass sich ein Atompilz bildete, 12 000 Meter hoch. Das grelle Licht der Explosion war noch Hunderte Kilometer entfernt zu sehen.

Aus militärischer Sicht ist der Probelauf ein Erfolg. Nun kommt die Bombe aus dem Labor auf das Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs: Am 6. August werfen die Amerikaner erst eine Uranbombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab, am 9. August dann eine Plutoniumbombe über Nagasaki – ähnlich der, die sie zuvor in der Wüste New Mexicos getestet hatten. Bis zu 200 000 Menschen sterben dabei. Die Japaner kapitulieren kurz darauf, der Zweite Weltkrieg endet.

In einer Radioansprache informiert Präsident Harry Truman die Amerikaner am 6. August über das geheime Atomprogramm, das in New Mexico entwickelt worden war. Es habe im Vorfeld auch eine «Testexplosion in einer amerikanischen Wüste» gegeben, sagt er. Die Botschaft ist offensichtlich: Die Amerikaner sollen stolz darauf sein, dass sie es sind, die das nukleare Zeitalter eingeläutet haben.

Es wäre ein guter Zeitpunkt, die Anwohner in New Mexico zu evakuieren. Oder sie anzuhalten, kein Obst und Gemüse mehr zu essen. Oder ihnen zu raten, das Regenwasser, das vielen als Trinkwasser dient, lieber wegzuschütten. Und ebenso die Milch von verstrahlten Kühen zu meiden. Doch nichts davon geschieht.

Wie weit radioaktive Strahlen reichen, wie lange sie anhalten und welchen Langzeitschaden sie im menschlichen Körper anrichten – zu alldem gibt es damals noch keine Studien. «Niemand hatte mit so etwas irgendeine Erfahrung, wir hofften einfach, dass die Situation nicht allzu heikel werden würde», gibt einer der medizinischen Leiter des Manhattan-Projekts, Louis Hempelmann, Jahre später in einem Interview zu. Die Verantwortlichen hätten aber durchaus geahnt, dass Zivilisten bei dem Atombombentest «vermutlich einem Übermass» an radioaktiver Ausstrahlung ausgesetzt worden waren. «Aber sie konnten es nicht beweisen, und wir konnten es nicht beweisen. Also nahmen wir einfach an, dass wir damit davonkommen würden.»

Tatsächlich war der Fallout von «Trinity», wie die Wissenschafter den ersten Atombombentest tauften, verheerender als erwartet. Die pilzförmige Wolke voller Plutonium spaltete sich in der Luft: Ein Teil schwebte gen Norden nach Kanada, einer gen Osten bis ins 3200 Kilometer entfernte New York. Ein dritter Teil wehte gen Südosten, ins 45 Kilometer entfernte Ruidoso, wo Barbara Kent und ihre Freundinnen zu dieser Zeit täglich draussen spielten.

Die Folgen zeigten sich erst Jahre später, als sie Frauen wurden, Kinder bekommen wollten, mitten im Leben standen. «Keine von ihnen wurde älter als vierzig Jahre», sagt Barbara Kent, «alle bekamen eine Form von Krebs.» Auch die Tanzlehrerin erlag einem Krebsleiden. Kents Mutter erkrankte an Brustkrebs und starb an einem Gehirntumor, ebenso wie ihr Bruder Bobbie.

Auch Kents Leben war von Strahlenschäden gezeichnet. Sie erkrankte an Hautkrebs und Leukämie, musste ihre Schilddrüse und ihre Gebärmutter wegen Tumoren entfernen lassen. Sie brachte drei gesunde Mädchen zur Welt, hatte aber auch zwei Fehlgeburten und eine Totgeburt.

Heute wissen Ärzte, dass selbst kleinste Mengen Plutonium hochgiftig sind, insbesondere wenn sie eingeatmet werden. Sie können sich in Knochen und Organen festsetzen und Jahre später noch Krebs verursachen.

Plutonium kann auch das Erbgut verändern. Ist das bei Eizellen oder Spermien der Fall, kann die genetische Mutation an die nächste Generation weitergegeben werden. Ob das ebenfalls zu Krebserkrankungen führt, erforschen Mediziner noch. Tatsache ist, dass auch zwei von Kents Töchtern an Brustkrebs erkrankten, die älteste Tochter starb 2023 an den Folgen. Dieser Tod traf die Familie besonders hart. Auch die zwei Enkeltöchter, beide Anfang dreissig, gehen bereits regelmässig zur Krebsvorsorge.

Oft sieht man die Zusammenhänge der Ereignisse im Leben erst im Rückblick deutlich. Wann genau sie realisierte, dass ihre Krebsleiden im Zusammenhang mit jenem Tag im Juli 1945 standen, daran erinnert sich die 94-Jährige nicht mehr. Erst im Laufe der Jahre habe sie gemerkt, dass alle Erkrankungen durch Strahlenbelastung ausgelöst wurden.