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NZZ International

Hilfe gegen Sex – Ärzte ohne Grenzen entlässt in Tschad 18 Mitarbeiter

Hilfe gegen Sex – Ärzte ohne Grenzen entlässt in Tschad 18 Mitarbeiter

Der Skandal ist kein Ausreisser. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Missbräuche bei Uno- und Hilfsorganisationen publik. Obwohl viele davon wissen, stossen die Opfer oft auf ein Schweigekartell.

59 Vorwürfe von Fehlverhalten, 18 Mitarbeiter entlassen. Das ist die Bilanz eines Missbrauchsskandals der internationalen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen MSF (Médecins sans Frontières) in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Tschad und Sudan. Mitte Juni wurden diese Ergebnisse einer internen Untersuchung aus dem vergangenen Jahr durch die «Associated Press»-Journalistin Sam Mednick veröffentlicht.

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Die gleiche Journalistin hatte die interne Untersuchung angestossen, als sie Ende 2024 in das Grenzgebiet zwischen Tschad und Sudan reiste. Dort hatten seit Beginn des Kriegs im Sudan im April 2023 Hunderttausende in improvisierten Flüchtlingslagern Zuflucht gefunden. Mehrere Frauen berichteten ihr, dass sie bestimmte Hilfe nur gegen sexuelle Gefälligkeiten erhalten würden. Auch Geld oder Jobs wurden ihnen im Austausch gegen Sex von männlichen Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, unter ihnen Ärzte ohne Grenzen, angeboten.

Die Frauen, die in den Flüchtlingslagern im Osten von Tschad leben, haben bereits schlimmste Erlebnisse hinter sich. Viele sind vor den Milizen der Rapid Support Forces geflohen, die im Sudan gegen die sudanesische Armee kämpfen. Einige mussten mit ansehen, wie ihre Männer und Söhne erschossen, ihre Häuser niedergebrannt wurden. Mit kaum etwas als ihrem Leben kamen sie davon.

«Sexueller Missbrauch in Hilfsorganisationen ist weit verbreitet», sagt Asmita Naik. Sie ist Entwicklungsberaterin und war 2002 an der Aufklärung eines Missbrauchsskandals in Westafrika beteiligt. Sie ist frustriert, dass sich fast 25 Jahre später kaum etwas verändert hat. «Die Hilfsorganisationen sind dafür verantwortlich, Missbrauch zu verhindern, aber auch zu bemerken, wenn er passiert», sagt Naik.

Über die Jahre gab es immer wieder grössere Fälle, die Schlagzeilen machten. 2018 wurde öffentlich, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam in Haiti nach dem Erdbeben 2010 an sexueller Ausbeutung beteiligt waren. Auch bei der Organisation Save the Children gab es grobes Fehlverhalten der Führungsebene im Umgang mit Berichten über Missbrauch.

2020 ging der Missbrauch durch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen im Ostkongo durch die Medien. Darunter waren auch lokale und internationale Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation, die zur Bekämpfung der damaligen Ebola-Epidemie in Ostkongo im Einsatz waren.

Auch bei den Blauhelm-Missionen der Vereinten Nationen kommt es immer wieder zu Ausbeutung und Missbrauch. 2024 wurden der Uno 102 Verdachtsfälle aus Friedenseinsätzen und politischen Missionen gemeldet. In 27 Fällen waren die Opfer Kinder. Mehr als 80 Prozent der Vorwürfe betrafen Einsätze in Kongo und der Zentralafrikanischen Republik.

Fälle sexuellen Missbrauchs zu verhindern, ist laut Fachleuten nicht leicht. Menschen, die rund um die Missionen leben und zu deren Schutz die Einsätze stattfinden, befänden sich oft in prekären Lebenslagen, erklärt die australische Konfliktforscherin Jasmine Westendorf. Sie hätten häufig nicht genug zu essen, keine Jobs und seien vor Gewalt geflohen. Rund um Vertriebenen-Camps entwickelten sich häufig Kriegswirtschaften, in denen Sex gegen Leistung angeboten werde.

Auch Ärzte ohne Grenzen sagt auf Anfrage: «Notfallsituationen schaffen Bedingungen, unter denen Risiken erhöht sind: Die Menschen sind besonders gefährdet, die Ressourcen sind knapp, und die Machtgefälle können erheblich sein.» Ärzte ohne Grenzen verspricht verschiedene Massnahmen, um die Situation zu verbessern. Man setzt unter anderem auf Überprüfungen des Hintergrunds der Angestellten, Initiativen zur Sensibilisierung der Gemeinschaft und vertrauliche Meldekanäle.

Ob dies aber ausreichend ist, um Missbrauch zu verhindern, scheint fraglich. Die Zivilbevölkerung habe oft kein Vertrauen in die Strukturen von Hilfsorganisationen, mahnt Gretchen Baldwin, die beim Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri zu Genderfragen und Friedensmissionen forscht. Informationen darüber, wie man einen Missbrauchsfall melden kann, seien zudem für Betroffene oft schwer zugänglich. Und dazu kommt: «Ein Beschwerdeverfahren, das keine Möglichkeiten zur Untersuchung und letztlich zur Wiedergutmachung für das Opfer bietet, ist völlig nutzlos.»

Auch bei Ärzte ohne Grenzen gibt man sich nüchtern über die Erfolgsaussichten der ergriffenen Massnahmen: «Trotz unserer Bemühungen, die Schutzmassnahmen zu verstärken, sind wir uns bewusst, dass unsere Systeme nicht immer ausreichend waren, um Missbrauch zu verhindern oder aufzudecken.»

Westendorf glaubt, dass das Verhalten des Führungspersonals oft darüber entscheidet, ob es zu Missbrauch kommt. Sie berichtet von einem Vorgesetzten in einer Friedensmission, der junge Soldaten beiseitegenommen habe, die ihm aufgefallen seien. Er habe dann offen mit ihnen darüber gesprochen, was Beziehungen mit Frauen in extrem abhängigen Situationen bedeuteten und welche Verantwortung sie tragen.

Aus ihrer Forschung weiss Baldwin, dass Mitarbeiter der Uno und von Hilfsorganisationen oft von Missbrauchsfällen wissen, aber aus Angst vor Vergeltung, Jobverlust und sonstiger Bestrafung den Fall nicht bei ihren Vorgesetzten melden. Bei Männern gebe es zudem eine gewisse «Boys Club»-Dynamik, durch die die Täter zueinanderhalten.

Naik spricht sich auch deshalb für die Einrichtung einer internationalen Kontroll- und Ombudsstelle aus, die Hilfsorganisationen überwacht und an die sich Menschen wenden können, die im Rahmen der Arbeit von internationalen und lokalen Hilfsorganisationen Missbrauch erlebt haben.

Und eine gewisse Verantwortung sieht die Expertin auch aufseiten der individuellen und institutionellen Spender: «Was bringt es, Menschen medizinische Hilfe zu leisten, wenn man durch das eigene Personal auf der anderen Seite medizinischen Schaden anrichtet?», fragt sie.

Trotz begrenzten Ressourcen gehört Tschad zu den aufnahmefreundlichsten Ländern Afrikas. Mit insgesamt fast 1,5 Millionen Flüchtlingen bei einer Bevölkerung von 21 Millionen Menschen ist diese Situation jedoch nicht tragbar.

Erst war es Oxfam in Haiti. Inzwischen wurden sexuelle Übergriffe aus Dutzenden weiteren Hilfswerken bekannt. Das Gute daran: Endlich wird über ein lange bekanntes Übel geredet.

In dieser Samstagsfolge von «NZZ Akzent» erzählt unser Afrika-Korrespondent von seiner Reise in den Sudan. Näher zur «schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt».