Wie der Iran-Deal zustande kam: eine Geschichte von Hartnäckigkeit, Geduld und Überzeugungskunst
Wegen Israels Krieg mit der Hizbullah-Miliz wurde das für Freitag vorgesehene Bürgenstock-Treffen zwischen Amerikanern und Iranern kurzfristig abgesagt. Nun herrscht an der Levante ein fragiler Waffenstillstand. Es ist die vorerst letzte Volte auf einem beschwerlichen Weg zu einer Einigung.
Eigentlich ist das Hotel und Resort Bürgenstock ein wunderbarer Ort zum Entspannen. Doch die katarische Delegation hatte in der Nacht auf Freitag in der Abgeschiedenheit der Innerschweiz wenig Grund zur Freude. Erst wurde ihre Nationalmannschaft an der Fussball-Weltmeisterschaft von Kanada mit 6:0 aus dem Stadion geschossen. Dann brachen auch noch die Verhandlungen in sich zusammen, für die die Golfaraber eigens in die Schweiz gereist waren.
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Ursprünglich hätte hoch über dem Vierwaldstättersee am Freitag das von Katar mit ausgehandelte Verständigungsabkommen zwischen Amerika und Iran nochmals feierlich unterzeichnet werden sollen. Zudem war vorgesehen, dass Amerikaner und Iraner bereits erste Gespräche über eine Umsetzung der Absichtserklärung führen würden. Doch es kam anders: Mitten in der Nacht auf Freitag sagte Trumps Vizepräsident J. D. Vance seine Teilnahme ab.
Zuvor hatten bereits die Iraner ihre Reise in die Innerschweiz storniert. Teheran war offenbar unzufrieden darüber, dass die Israeli ihre Militäroperationen in Libanon nicht einstellten. Dann erklärte sich Israel am Freitagnachmittag doch noch zu einer Waffenruhe mit der pro-iranischen Hizbullah-Miliz bereit. Die Katarer und die ebenfalls am Verhandlungsprozess beteiligten Pakistaner waren da aber bereits umsonst auf den Bürgenstock gereist. Nun hoffen sie, das die Zeremonie in den nächsten Tagen doch noch stattfinden kann.
Der Rückschlag war längst nicht der erste, den Katar und die übrigen Mediatoren in den letzten Wochen und Monaten hinnehmen mussten. Denn der Weg zum 14-Punkte-Plan war voller Hindernisse und Rückschläge, wie ein Rückblick auf den Vermittlungsmarathon zeigt: Es ist eine Geschichte von Hartnäckigkeit, Geduld und Überzeugungskunst. Ihren Anfang nahm sie allerdings nicht in dem für seine Guten Dienste inzwischen weltbekannten Golfemirat Katar – sondern in Pakistan.
Schon in den ersten Wochen des Krieges hatte das südasiatische Land die Initiative ergriffen, um eine Aussetzung der Kämpfe zu erreichen und die beiden Erzfeinde USA und Iran an einen Tisch zu bringen. Über Wochen führten Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif, Aussenminister Ishaq Dar und der mächtige Armeechef Asim Munir Dutzende Telefongespräche mit Vertretern Washingtons, Teherans und der arabischen Golfstaaten, um den Boden für eine Waffenruhe zu legen.
Dass Pakistan die Führung als Vermittler übernahm, kam überraschend. Die Regierung in Islamabad hatte zuvor wenig Erfahrung mit solchen diplomatischen Missionen. In früheren Konflikten hatten meist Oman, Katar und die Schweiz als Vermittler gedient. Doch Oman und Katar standen selbst unter iranischem Beschuss, und die Schweiz, die seit 1979 die Interessen der USA in Teheran vertritt, verzichtete darauf, ihre Guten Dienste anzubieten. Also sprangen die Pakistaner in die Bresche.
Das Land war von dem Krieg direkt betroffen, da es stark abhängig ist von Ölimporten aus dem Persischen Golf. Es hatte daher ein Interesse an einer raschen Beendigung der Kämpfe und einer Öffnung der Strasse von Hormuz. Feldmarschall Munir verfügte zudem über gute Kontakte zu den Revolutionswächtern in Teheran und hatte seit Trumps Rückkehr an die Macht auch einen guten Draht zum amerikanischen Präsidenten aufgebaut, der ihn 2025 zwei Mal im Weissen Haus empfing.
Vier Wochen nach Beginn des Kriegs verzeichnete Pakistan einen ersten Erfolg, als es die Aussenminister Ägyptens, der Türkei und Saudiarabiens in Islamabad versammelte. Es zeigte mit der Viererrunde, dass seine Initiative die Rückendeckung wichtiger Regionalmächte hat. Bei einer Reise nach Peking holte Aussenminister Dar auch die Unterstützung Chinas ein. Am 8. April konnte Premierminister Sharif dann eine vorläufige Waffenruhe zwischen Iran und den USA verkünden.
Nur drei Tage später reiste Vance für direkte Gespräche mit den Iranern nach Islamabad. Begleitet wurde er von Trumps Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner. Auf iranischer Seite nahmen Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf und Aussenminister Abbas Araghchi am Tisch Platz. Es waren die höchstrangigen Gespräche seit der Revolution 1979. Die ganze Nacht sassen die Delegationen in einem Luxushotel der pakistanischen Hauptstadt zusammen, doch endete das Treffen am frühen Morgen ohne Durchbruch.
Damit war zwar der Anfang gemacht, doch lagen die Positionen weit auseinander. Beide Seiten beharrten auf ihren roten Linien und spielten auf Zeit. Die Iraner waren misstrauisch, nachdem Trump das Atomabkommen von 2015 gebrochen und zwei Mal ihr Land während laufender Atomgespräche attackiert hatte. Sie drängten darauf, nicht nur vage Versprechen, sondern greifbare Vorteile zu erhalten, bevor sie sich auf Verhandlungen über ihr Atomprogramm einliessen.
Eine zweite Gesprächsrunde in Islamabad am 23. April platzte in letzter Minute, da die Iraner keinen Sinn darin sahen, erneut mit Kushner und Witkoff zu sprechen. Trump sagte deren Reise daher wieder ab. Pakistans Initiative schien gescheitert. Auch eine Eskalation zwischen Israel und dem Hizbullah in Libanon drohte die fragile Waffenruhe kollabieren zu lassen. Trump musste ein Machtwort sprechen, um Israel von Angriffen auf Beirut abzuhalten und die Verhandlungen zu retten.
Dass Israel nicht an den Gesprächen beteiligt war, erwies sich als offenkundige Schwachstelle. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sah sich nicht durch eine Vereinbarung gebunden, die er nicht verhandelt hatte. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er die Einstellung der Angriffe auf Iran für einen Fehler hielt und die Ziele des Kriegs nicht erreicht sah. Iran und Pakistan beharrten dagegen darauf, dass die im April vereinbarte Waffenruhe auch die Front in Libanon umfasse.
Derweil sorgte Trumps erratisches Vorgehen auf allen Seiten für Verwirrung. Mal drohte er den Iranern mit neuen Angriffen, dann sagte er sie in letzter Minute doch wieder ab. Mehrfach begründete er dies damit, dass die Friedensgespräche kurz vor dem Durchbruch stünden. Tatsächlich liefen die Gespräche hinter den Kulissen weiter. Pakistans Armeechef Munir reiste dafür persönlich nach Teheran. Doch die eigentliche Führung übernahmen die Katarer.
Ihre erfahrenen Unterhändler Ali al-Thawadi und Hamad al-Kubaisi führten laut einer Recherche der «Financial Times» ab Mitte Mai intensive Gespräche in Teheran. Anschliessend informierten sie Trumps Unterhändler Witkoff und Kushner in Washington, bevor Araghchi und Ghalibaf nach Doha kamen. Als die Gespräche nicht den erhofften Durchbruch brachten, äusserte sich Trump frustriert. Um ihn von neuen Angriffen abzuhalten, flogen die Katarer kurzerhand nach Miami.
Eine Wiederaufnahme des Kriegs schien aber unvermeidlich, als Iran als Antwort auf einen israelischen Angriff auf Beirut erstmals seit April direkt Israel beschoss und Israel mit Luftangriffen in Iran reagierte. Ein Anruf Trumps bei Netanyahu am 8. Juni beruhigte die Lage zwar. Doch löste der Abschuss eines amerikanischen Helikopters über der Meerenge von Hormuz kurz darauf einen neuen Schlagabtausch aus. Während die USA Militäranlagen im Süden Irans bombardierten, beschoss Teheran amerikanische Militärstützpunkte in Bahrain, Kuwait und Jordanien.
Nicht nur die Pakistaner und Katarer, sondern auch die Saudi drängten Trump in Telefonanrufen, es dabei zu belassen. Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate hatten kein Interesse an einer Fortsetzung des Krieges. Eine Delegation Katars, die sich gerade in Teheran aufhielt, mahnte die Iraner, das Abkommen nicht zu gefährden, das bereits weitgehend ausgehandelt war. Gerade noch rechtzeitig zu Trumps 80. Geburtstag wurde es schliesslich besiegelt.
Eigentlich war der Plan, das Abkommen am Freitag in einer feierlichen Zeremonie auf dem Bürgenstock zu unterzeichnen. Stattdessen zeigt sich nun, wo die Grenzen der Guten Dienste liegen. Denn die fragile Übereinkunft, welche die Katarer und die Pakistaner mit so viel Einsatz über die Ziellinie brachten, droht immer wieder am selben Punkt zu scheitern: daran, dass Israel sich nicht an die Abmachungen gebunden fühlt. Trotz einer am Freitag vereinbarten Waffenruhe im Levante-Staat gehen die Israeli eigene Wege.
Eigentlich sollten die Amerikaner für ihre Verbündeten sprechen und diese notfalls an die Kandare nehmen. Doch selbst Trump fällt das mitunter schwer. Denn für Israel ist der Krieg im benachbarten Libanon nicht etwa ein weit entfernter Waffengang, sondern ein als existenziell empfundener Kampf vor der eigenen Haustür. Jerusalem ist daher nicht bereit, sich das Vorgehen diktieren zu lassen – auch wenn das zu heftigen Konflikten mit den Amerikanern führt.