«Hoffe, die Welt sieht es»: Der wahrscheinliche Nati-Gegner kritisiert die USA scharf
Für die Schweiz ist noch nicht ganz fix, wer an der WM der Gegner in den Sechzehntelfinals sein wird. Der wahrscheinliche Gegner ist der Iran, die unwahrscheinlichere Option Algerien. Für die Iraner ist hingegen schon klar: Wenn sie weiterkommen, wartet fix die Schweiz. Und ein Weiterkommen als einer der besten acht Gruppendritten ist sehr wahrscheinlich.
Wie der Rechner von «The Athletic» ausspuckt, beträgt die Chance 92 Prozent. Zwar sieht ein Ausscheiden des Irans auf den ersten Blick gar nicht unwahrscheinlich aus. Es wäre dann der Fall, wenn Kroatien gegen Ghana punktet, die DR Kongo gegen Usbekistan gewinnt sowie Österreich und Algerien im Direktduell unentschieden spielen. Alles realistische Szenarien. Doch alles müsste zusammen eintreffen, dafür sinkt die Chance zumindest theoretisch dann doch auf nur noch 8 Prozent. Praktisch dürfte sie grösser sein, wenn sich zum Beispiel Österreich und Algerien nicht gross gegen ein Remis wehren, was beiden zum Weiterkommen hilft. Trotz solcher Szenarien bleibt die Chance des Irans auf den erstmaligen Vorstoss in eine WM-K.o.-Phase gross.
So oder so: Tränen vergossen haben die Iraner bereits. Zu dramatisch war das letzte Gruppenspiel gegen Ägypten (1:1). In der 93. Minute jubelten die Iraner ausgelassen über das Siegtor, das aufgrund einer Abseitsstellung dann aberkannt wurde. In der 97. Minute zitterte auch noch die Latte. Der Iran wäre mit einem Sieg fix weiter gewesen. Nun folgt eine Nacht des Bibberns.
Emotional war die WM für den Iran ohnehin schon. In der Heimat ist die Lage äusserst angespannt. Die Waffenruhe mit den USA ist nach den neusten Entwicklungen in der Strasse von Hormus noch immer sehr fragil. Ausgerechnet in den USA ist der Iran in den letzten zwei Wochen zu drei Gruppenspielen angetreten. Das Camp musste das Team allerdings in Mexiko aufschlagen. Das hinterlässt Spuren bei den Fussballern.
«Das Verhalten des Gastgebers gegenüber uns war schrecklich und wir hoffen, dass die Welt das sieht», holt Trainer Amir Ghalenoei (62) an der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Ägypten aus. Damit meint er nicht Mexiko, sondern die USA. «Sie haben uns nicht erlaubt, zwei Wochen vor dem Turnier und zwei Tage vor jedem Spiel anzureisen. Das hat uns wirklich geschadet.»
«Ich weiss, dass Herr Infantino sein Bestes gegeben hat, um die Probleme so weit wie möglich zu minimieren, aber es war der Gastgeber, der nicht besonders gut zu uns war», fügt Ghalenoei an. Dann fleht er Fifa-Präsident Gianni Infantino (56) öffentlich an: «Ich fordere die Fifa nachdrücklich dazu auf, nicht zuzulassen, dass die Gastgeber Mannschaften und Spieler in Zukunft auf dieselbe Weise behandeln. Ich hoffe, dass Herr Infantino sich tatsächlich gegen ein solches Verhalten wehren wird.»
Stürmer Mehdi Taremi (33) ist der Star des Teams und Spieler des griechischen Top-Klubs Olympiakos Piräus. Er wird ebenfalls laut: «Seit dem Start ist die WM ein Desaster.» Elf Personen des Nationalteams wurde die Einreise in die USA verwehrt. Infantino war nach dem ersten WM-Spiel gegen Neuseeland in der Kabine gewesen und habe Besserung versprochen. «Aber mittlerweile ist die Gruppenphase fast durch und unsere Staffmitglieder haben immer noch kein Visum», schimpft Taremi. Sein Team fühle sich ungerecht behandelt.
Taremi ist nicht der einzige Star im Team mit dem Gepard auf dem Trikot, dazu gehört zum Beispiel auch Alireza Jahanbakhsh (33, ex-Brighton). In den Vordergrund gehechtet hat sich auch Goalie Alireza Beiranvand (33), der früher Schafe hütete und obdachlos war.
Doch der Krieg hat auch im Nationalkader Spuren hinterlassen. Sardar Azmoun (31) spielte für Leverkusen und die AS Roma und wäre ein weiterer grosser Name im Team gewesen. Aber Trainer Ghalenoei hat ihn nicht mehr berücksichtigt. Wie diverse Medien berichten, hatte Azmoun Fotos veröffentlicht, auf denen er gemeinsam mit dem Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate zu sehen ist, wo er aktuell spielt. Das Land stand im Krieg den USA und Israel nahe.
Seit der Veröffentlichung der Fotos sei Azmoun «eine umstrittene Persönlichkeit im Iran», schreibt zum Beispiel der «Guardian» vor der WM. Der Spieler hat die Bilder wieder entfernt und im Mai dem Nationalteam in einem emotionalen Post viel Erfolg für die WM gewünscht. Aufgeboten wurde er danach trotzdem nicht.
Nach der Eskalation zwischen dem Iran und den USA im Frühjahr stand lange offen, ob der Iran überhaupt an der WM dabei sein werde. Die Lösung lautete dann, dass das Teamcamp aus den USA nach Tijuana in Mexiko verlegt wird. Die Iraner durften für ihre Gruppenspiele jeweils nur für einen Tag an den US-Spielort reisen und mussten das Land danach sofort wieder verlassen.
Das Aussenministerium der USA erteilte den Iranern die Visa, allerdings nur für Spieler und unverzichtbare Staffmitglieder. Gegenüber der BBC liess es jedoch verlauten, dass es dem iranischen Team «nicht erlauben werde, dieses System zu missbrauchen, um Terroristen unter falschen Vorwänden in die Vereinigten Staaten einzuschleusen».
Die Reaktion der Iraner: «Wir lieben die Leute in Tijuana und Mexiko. Aber es ist nicht fair», sagte Stürmer-Star Taremi gegenüber «The Athletic». «Wir hatten nicht einmal Physios oder Staffmitglieder für die Logistik dabei. Wir sagen es immer wieder, aber niemand hilft.»
Dann wurde Taremi gefragt, ob der Iran im Turnier gewollt werde. «Wir müssen hier gegen alles ankämpfen», antwortete er. Erleichterung würde immerhin der Spielort im allfälligen Sechzehntelfinal gegen die Nati geben. Das allererste Länderspiel des Irans gegen die Schweiz würde in Kanada stattfinden. Genauer in Vancouver, wo die Schweiz bereits Kanada geschlagen hat. Weit reisen müssten die Iraner trotzdem.
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