Missbrauch in Hilfswerk: Die Deza finanzierte Ärzte ohne Grenzen in Tschad mit Millionen – trotz schweren Vorwürfen
Eine Expertin sagt, das Missbrauchsrisiko sei bei der humanitären Hilfe gross. Wird genug hingeschaut?
Am Anfang stand eine Recherche. Eine amerikanische Journalistin der Nachrichtenagentur AP hörte im Flüchtlingsgebiet Adré in Tschad die Leidensgeschichten als Erste. Von Frauen, die vom Krieg aus dem Sudan geflohen waren und ihr von sexueller Ausbeutung berichteten – begangen von Hilfswerksmitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen. Geld, Jobs oder Hilfsgüter gab es für sie nur im Gegenzug für Sex. Im November 2024 wurde die Recherche publiziert.
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Dann blieb es lange still. Bis Ärzte ohne Grenzen letzte Woche, nach einer erneuten AP-Recherche, ein längeres Statement publizierte. Das Hilfswerk hatte Ende 2024 eine interne Untersuchung gestartet und, wie nun bekanntwurde, insgesamt 59 Vorwürfe von Fehlverhalten identifiziert, darunter sexuelle Belästigung, Ausbeutung und Missbrauch. Die Vorwürfe betrafen festangestellte Mitarbeitende, temporär Beschäftigte und externes Personal. Als Konsequenz entliess Ärzte ohne Grenzen 18 Angestellte. Ob es sich um einheimisches Personal oder ausländische Spezialisten handelt, wird nicht gesagt.
Den Untersuchungsbericht hält die NGO unter Verschluss. Gemäss dem neuesten AP-Artikel waren auch Minderjährige von der Ausbeutung betroffen. Lokale Vertreter hätten mit der Zeit sogar verhindern wollen, dass Mädchen mit dem Personal von Ärzte ohne Grenzen in Kontakt kämen.
Wie kann es sein, dass ausgerechnet eine Organisation, die den Schutz der Schwächsten zu ihrem ureigensten Auftrag erklärt hat, an ihren moralischen Ansprüchen scheitert? Der Fall Tschad reiht sich ein in eine Serie von Skandalen, welche die humanitäre Hilfe seit Jahren erschüttern: sei es die sexuelle Ausbeutung von Erdbebenopfern durch Oxfam in Haiti, der Missbrauch durch WHO-Mitarbeiter beim Ebola-Einsatz in Kongo oder das Fehlverhalten während Blauhelmmissionen der Vereinten Nationen.
Ärzte ohne Grenzen räumt auf Anfrage ein Systemversagen ein. «Mit den bestehenden Kontroll- und Meldemechanismen konnten diese Fälle nicht früh genug erkannt werden. Das bedauern wir ausserordentlich», schreibt die Organisation mit Hauptsitz in Genf und verspricht einen Ausbau der Schutzmechanismen gegen sexuelle Ausbeutung und Missbrauch. Die Opfer würden unterstützt.
Nun nimmt der Fall auch politische Dimensionen an, wie Recherchen zeigen. Denn das betroffene Projekt in Tschad wurde in den Jahren 2024 und 2025 mit fast sieben Millionen Franken an Steuergeldern von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt.
Konkret zahlte die Deza, eine Direktion des Aussendepartements EDA, im Jahr 2024 eine Million Franken an die Nothilfe von Ärzte ohne Grenzen in Tschad. Das Geld ging insbesondere an die Flüchtlingssiedlung Adré, und genau dort kam es zu den Missbrauchsfällen. 2025 gab es für dasselbe Projekt nochmals fünf Millionen Franken. Hinzu kamen weitere projektbezogene Zuwendungen in Höhe von über 700 000 Franken. Der Beitrag der Deza entsprach rund 16 Prozent der Gesamtausgaben von Ärzte ohne Grenzen in Tschad in den Jahren 2024 und 2025.
Wie das Aussendepartement auf Anfrage der «NZZ am Sonntag» erstmals bestätigt, wurde die Deza bereits im November 2024 schriftlich von Ärzte ohne Grenzen über die Missbrauchsvorwürfe informiert. Danach habe die Deza «unverzüglich gemäss internen Vorgaben gehandelt» und Informationen zur Überprüfung der Vorwürfe angefordert. Im Juli 2025 lieferte Ärzte ohne Grenzen der Deza ein grösseres Update zur internen Untersuchung.
Laut ihm erhielt die Deza bereits vor einem Jahr exklusives Wissen über die Tätergruppe und die getroffenen Massnahmen, während parallel dazu die Fünf-Millionen-Tranche für das Jahr 2025 weiterlief. Die Deza hat die an Ärzte ohne Grenzen gesprochenen Gelder zu keinem Zeitpunkt gestoppt oder temporär zurückgehalten. Warum nicht?
Die Suspendierung von Finanzbeiträgen sei das letzte Mittel, das man in solchen Fällen einsetze, schreibt das Aussendepartement: «Unter Berücksichtigung der damals von Ärzte ohne Grenzen Schweiz angekündigten Massnahmen sowie des Ausmasses der humanitären Bedürfnisse wurde das Projekt zugunsten der notleidenden Bevölkerung weiterhin unterstützt.»
Hat der Bund alles gemacht, was nötig war? So ganz sicher scheint man sich seit dem öffentlichen Bekanntwerden des vollen Ausmasses des Missbrauchsskandals nicht mehr zu sein. Die Deza stehe derzeit «in engem Kontakt mit Ärzte ohne Grenzen Schweiz, hat umfassende Informationen angefordert und prüft, ob zusätzliche Massnahmen getroffen werden müssen», schreibt das Aussendepartement.
Ärzte ohne Grenzen muss sich auch gegenüber der Zertifizierungsstelle Zewo rechtfertigen. Die Stiftung verlangt in einer Art ausserordentlicher Prüfung detaillierte Informationen zum Fall, wie sie auf Anfrage bekanntgibt.
Müsste man den Hilfswerken, schon bevor es zu einem Skandal kommt, besser auf die Finger schauen? Experten sehen in der Branche jedenfalls ein inhärentes Missbrauchsrisiko. «Der Fall in Tschad ist kein Ausreisser», sagt die australische Professorin Jasmine Westendorf, eine der renommiertesten Expertinnen für Missbrauch im Umfeld der humanitären Hilfe.
Bestimmte Missbrauchsmuster seien innerhalb der Branche längst bekannt und wiederholten sich mit einer «verstörenden Regelmässigkeit», sagt Westendorf. «Junge Frauen, die von Hilfswerksmitarbeitern in Autos gelockt und zum Sex gezwungen werden, oder Sex im Tausch gegen Konsumgüter oder versprochene Jobs – wie auch schon während des Ebola-Einsatzes in Kongo vor einigen Jahren – sind keine versteckten Praktiken. Man weiss, dass solche Muster existieren, und es gibt in der Branche nach wie vor Subkulturen, in denen Männer einander schützen und Mitwisser zu viel Angst vor Repressionen haben.»
Gesamtzahlen aus der Branche existieren nicht, doch nur schon bei Ärzte ohne Grenzen gingen im Jahr 2024 weltweit 945 Meldungen über Missbrauch oder unangemessenes Verhalten ein. 345 Meldungen konnten bestätigt werden, ein Plus von rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Kinderhilfswerk Unicef weist jedes Jahr Hunderte interne Fälle von «sexuellem Fehlverhalten» aus.
Ein zentrales Konzept in der Forschung zu solchen Fällen ist jenes der «peacekeeping and humanitarian economies». Lokale Wirtschaften werden durch die Ankunft von Hilfswerken grundlegend verändert. Die Mitarbeiter bringen Geld und Bedürfnisse mit – für Wohnungen, Restaurants, Haushaltshilfen oder Transport. Manche dieser Beziehungen umfassen auch Sex gegen Gegenleistungen oder eben sexuelle Ausbeutung.
«Das wirtschaftliche Gleichgewicht verschiebt sich grundlegend und schafft Verwundbarkeiten», sagt Westendorf dazu. «Das sind inhärente Risiken jeder humanitären Intervention. Organisationen müssen diese Risiken von Anfang an erkennen und Prävention fest in ihre Einsätze einbauen.» Westendorf spricht sich für eine global agierende Ombudsstelle aus, die einheitliche Standards durchsetzen könnte.
Der Genfer Ökonom Gilles Carbonnier, Professor am Geneva Graduate Institute, sieht im Fall von Ärzte ohne Grenzen erheblichen Verbesserungsbedarf. «Die humanitäre Hilfe ist zwangsläufig mit einem starken Machtgefälle konfrontiert», sagt Carbonnier. Machtmissbrauch müsse konsequent verhindert werden. Er schlägt unabhängige Beschwerde- und Untersuchungsstellen ausserhalb der Hilfswerke vor.